Foto: Thomas Puschmann

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Werkstatt zu Gast bei der IBA Thüringen im Eiermannbau in Apolda

Vom 29. bis 30. September fand die 7. Werkstatt  der Montag Stiftung Urbane Räume mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen als lokalen Partner statt. Im Eiermannbau Apolda trafen 16 Initiativen aus Deutschland auf acht Ratgeber und vier Moderatoren, um ihre Projektarbeit zu sortieren, zu diskutieren und Hindernisse aufzudecken. Mit viel Engagement wurden die Ziele geschärft und ein Mehr an Wissen generiert, aber auch zwei wunderbar sonnige Herbsttage erlebt, vegan gegessen, Kunst und Kultur in Apolda entdeckt, neue Kontakte geschlossen und sich gegenseitig motiviert. Mit dem leerstehenden Eiermannbau in Apolda stellte die IBA Thüringen eine Architekturikone der Moderne als Werkstattraum zur Verfügung, die sie selbst als Modellstandort entwickeln will. Der Eiermannbau war damit ein idealer Ort für zwei intensive und lehrreiche Tage.

Diese begannen mit einer Architekturführung von Bertram Schiffers, der nicht nur die Geschichte, sondern auch das IBA Leitbild der Open Factory für das Gebäude vorstellte. Auch wenn mit 6000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche das räumliche Entwicklungspotenzial hier ungewöhnlich groß ist, sehen sich viele Initiativen mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert: die Generierung und Organisation von lokalem und regionalem Interesse und Teilhabe, die Gewinnung und Mobilisierung von Partnern, die Entwicklung von alternativen und nachhaltigen Nutzungsmodellen und Betreiberstrukturen sowie Baustandards.

Mit diesem ersten Eindruck auf die potenzielle Immovilie begrüßten Kristin Gehm für die Stiftung und Frauke Burgdorff als Moderatorin die 7. Werkstatt und ihre 16 Projektteilnehmer, die sich ihrerseits anhand von moderierten Fragestellungen vorstellten. Die Projektmacher kamen diesmal aus Altenburg, Aschaffenburg, Bremerhaven, Erfurt, Hanau, Hannover, Gera, Jena, Saalfeld, Weimar und Wuppertal; darunter gab es junge, zivilgesellschaftliche Initiativen ebenso wie erfahrene Projektmacher und sogar kommunale Akteure. Die acht Ratgeber stellten sich und ihr individuelles Know How aus den Bereichen Gruppenaufbau, Teamentwicklung, Konzepterstellung, Prozessgestaltung, Finanzplanung, Trägerschaft, Betrieb, Rechtsformen, Raumstrategien und Kommunikation anhand von moderierten Kurzinterviews vor.

Nach einem gemeinsamen veganen Mittagessen – zubereitet und serviert von der Wohn-, Arbeits- und Lebensgemeinschaft Schloss Tonndorf – ging es dann auch gleich in einen arbeitsintensiven Nachmittag. An vier Tischen wurden jeweils von zwei Ratgebern vier Initiativen a 45 Minuten beraten. Das besondere an dem Format der zweitägigen Werkstatt ist die Klärung und Schärfung der eigentlichen Frage je Initiative am ersten Werkstatttag, denn das Symptomatische ist oft nicht gleich das Ursächliche. So ging es am ersten Tag auch darum zu lokalisieren, wo eigentlich der Schuh drückt. Fehlt Geld oder doch eher Mitstreiter? Und wenn zweiteres eher fehlt, wie gewinnt man sie? Im Ergebnis formulierten die Initiativen dann jeweils eine Frage, die am nächsten Tag den zwei Wunschratgebern, die sie wählen konnten, als Beratungsgrundlage diente.

Bevor es jedoch in den zweiten Tag ging, wurden alle Teilnehmer durch Apolda zu Kunstfabrik geführt – ein Pionierprojekt zur Umnutzung und Wiederbelebung ehemaliger Produktionsstätten in Apolda und bestes Beispiel für die erfolgreiche kulturelle Aneignung von Leerstand in Städten mit etwa 23.000 Einwohnern. Zurück im Eiermannbau wurde beim gemeinsamen Abendessen an gedeckter Tafel zum Abschluss die Kontakte untereinander intensiviert und der erste Tag beendet.

Am zweiten Tag ging es direkt in die nächste Arbeitsphase: das Barcamp. Barcamps sind Tagungen, deren Inhalt und Ablauf zu Beginn gemeinsam festgelegt werden. Ähnlich auch hier; jede Initiative wurde nach Vorstellung ihrer Frage ihren zwei Wunschberatern wenn möglich zugeordnet und so der Tag strukturiert. An vier Tischen im 45 Minuten Takt wurde dann versucht, die jeweilige Frage zu beantworten. Wie verankern wir Anteilseignerschaft von Beginn an im Projekt? Wie können wir uns selbst besser organisieren, dass nicht alles auf unseren Schultern liegt? Wie können wir mit unserem Konzept andere überzeugen? Wie räumlich flexibel kann, wie modular muss unser Projekt sein? Wer gerade nicht beraten wurde, konnte sich frei von Tisch zu Tisch bewegen und so Akteuren und ihren Ratgebern lauschen und durchaus mitreden. Überhaupt ist der Gewinn der Werkstatt schon, voneinander zu lernen, ohne gleich alle Antworten parat zu haben.

Die Zusammenfassung der Werkstatt drückte die Teilnehmerin Hanka Giller, Leiterin des Amtes für Jugend/Sport der Stadtverwaltung Saalfeld zum Abschluss dann auch so aus: „Wir gehen klüger und motivierter nach Hause. Vielen Dank!“.

Autor/en

Foto: Thomas Puschmann

Kerstin Faber M.Arch., Planerin und Urbanistin, ist seit 2014 Projektleiterin der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen STADTLAND. Von 2003 bis 2010 war sie als Projektentwicklerin der IBA Stadtumbau 2010 tätig und lehrte von 2011 bis 2014 als Dozentin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im Fachbereich Internationaler Städtebau. Kerstin Faber ist Mitherausgeberin der Publikation ‚Raumpioniere in ländlichen Regionen' gemeinsam mit Philipp Oswalt (Spector Books, Leipzig 2013) und Gastredakteurin des Arch+ Magazins „Stadtland. Der neue Rurbanismus“ (Ausgabe 228, Berlin 2017).