Foto: Christoph Stark kitev e.V.

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Wir haben Spaß an bunt – vier Beispiele für integrative Immovielien

Integration hat bekanntlich viele Gesichter. Sie stellt Politik und Wirtschaft, aber auch die Zivilgesellschaft derzeit vor enorme Herausforderungen. Hoch im Kurs stehen also clevere und originelle Ideen. Am besten solche, die allen Beteiligten – neben einem Miteinander, Weiterbildung und besseren Sprachkenntnissen – auch noch Spaß machen und Potenziale nutzen. Denn Integrationsprojekte verwandeln sich dann in gelebte, gute Nachbarschaft, wenn möglichst viele gerne teilhaben und aktiv auf Augenhöhe mit anpacken können und wollen. Die gute Nachricht: Auf der Suche nach solchen kreativen „Baustellen“ sind wir quer durchs Land fündig geworden; in Göttingen, Köln, Nieheim und Oberhausen.  

Michael von der Mühlen, Staatsekretär Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr NRW bringt auf den Punkt, was in Zukunft für das Zusammenleben immer wichtiger werden wird: „Wir müssen nicht nur Wohnraum schaffen, sondern Möglichkeitsräume, ganz besonders für jene Menschen, die aufgrund ihres Einkommens, ihres gesellschaftlichen Status oder ihrer Bildung nicht in vollem Maße am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.“

Die Bandbreite dieser „Möglichkeitsräume“ ist so erstaunlich wie einfallsreich. Da sanieren etwa Geflüchtete gemeinsam mit Studenten und Dorfbewohnern einen verwaisten Bauernhof auf dem Land, um ihn zur eigenen Weiterbildung zu nutzen und als weltoffene Begegnungsstätte auszubauen. Oder sie tingeln im selbstgebauten, rollenden Küchenmobil zusammen mit Künstlern quer durchs Ruhrgebiet und servieren nicht nur die Delikatessen ihrer Herkunftsländer, sondern informieren auch über die meist traurigen Gründe ihrer Flucht. Migrantinnen – schon seit vielen Jahren hier zu Hause – buddeln, pflanzen und jäten alljährlich mit ihren Nachbarn auf einem öffentlichen Acker und werden mit reicher Ernte und mit Freundschaft belohnt. Obdachlose zimmern sich zusammen mit anderen Stadtteilbewohnern selbst wieder ein Dach über dem Kopf und finden so den Weg zurück in die Gesellschaft.

Allesamt Projekte, die noch weit mehr als „Möglichkeitsräume“ schaffen. Sie machen Mut und bieten langfristig Perspektiven. Mit Muskelkraft, mit viel Köpfchen, Wissen, Phantasie, Ausdauer und Neugierde auf Fremde und Fremdes lässt sich gemeinsam viel mehr auf die Beine stellen, als der Einzelne oft für möglich hält.

Die Heimatwerker von Nieheim

Nieheim in Ost-Westfalen hat gleich mehrere Heimat-Museen, den berühmten Nieheimer Käse und mit dem Dichter und Arzt Friedrich Wilhelm Weber einen zumindest in Literatenkreisen bekannten Kunstschaffenden, der im 19. Jahrhundert hier zeitweise lebte. Aber nicht deshalb ist die knapp 6000 Einwohner zählende Kleinstadt gerade in aller Munde. Die „Heimatwerker“ sind es, über die derzeit vor allem gesprochen wird und das weit über die ländlichen Ortsgrenzen hinaus. Zu tun hat das mit jungen Männern wie Wahid, Kokhan, Dafar und Said, die es aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak nach Nieheim verschlagen hat. Mit Christian, Leo und anderen Architektur-Studenten. Und mit einigen engagierten Nieheimern selbst.

„Heimatwerker“ ist ein Pilot-Projekt für Geflüchtete, die gemeinsam mit Studierenden und Anwohnern die Sanierung und Umnutzung eines leerstehenden, historischen Bauernhofes – in Westfalen heißt das Ackerbürgerhaus – geplant haben. In diesem Frühjahr beginnen sie mit dem Umbau – zunächst im 230 Quadratmeter großen Erdgeschoss, der „großen Diele“ sagt man hier. Bauen als Beitrag zur Integration. Eine Erbengemeinschaft stellt dafür das Haus für zehn Jahre kostenlos den Heimatwerkern zur Verfügung. „Das Thema Integration beschäftigt uns doch alle“, sagt der am Projekt beteiligte Architektur-Student Christian Schantz. „Nun kann ich auch endlich mal was tun und nicht nur darüber reden.“

Seminarräume, ein Bürger-Cafe, eine Lern-Werkstatt, ein Fitnessraum, eine Bibliothek, ein Gemeinschafts-Garten; all diese Wünsche soll die offene Begegnungsstätte für Alteingesessene und Neuangekommene ab 2018 erfüllen. „Wir haben die Ideen, wie das Haus genutzt werden soll, gemeinsam mit den Geflüchteten entwickelt“, erzählt Christiane Kämmerer von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020, die das bislang einzigartige Projekt zusammen mit der Stadt Nieheim und der Hochschule Ostwestfalen-Lippe initiiert hat. So wünschen sie sich etwa eine Werkstatt, um ihre Fahrräder zu reparieren. Aber auch an geeigneten Räumen für Sprachkurse fehlt es noch in Nieheim.

Aktiv los ging es im Herbst 2016: 50 Geflüchtete, Anwohner, Schüler und Studierende kamen zu einer einwöchigen „Heimatwerkstatt“ in dem alten Fachwerkhaus an der Lüttge Straße 14 mitten im Ort zusammen und schmiedeten konkrete Pläne für den Umbau. „Man kannte sich noch nicht, aber sehr schnell entstand eine herzliche Atmosphäre. Da war viel gegenseitige Neugierde zu spüren. Das war sehr motivierend“, erinnert sich Brigitte Kämmerer. Die Geflüchteten zeigten Fotos aus ihrer Heimat, servierten landestypische Gerichte, es wurde viel – teilweise mit Händen und Füßen – kommuniziert, die große Haustür zur „Diele“ stand immer offen und viele Anwohner, manche durchaus auch skeptisch, schauten einfach mal vorbei. „Da konnten Vorurteile abgebaut werden“, sagt Kämmerer.

Von dem Modellprojekt sollen am Ende schließlich alle Beteiligten profitieren. Einige der Asylsuchenden – 144 Geflüchtete sind im vergangenen Jahr in Nieheim ansässig geworden – können sich auf der Baustelle beruflich qualifizieren, ihre Sprachkenntnisse verbessern und sich dabei selbst aktiv integrieren. Die Handwerksbetriebe und Architekten aus der lokalen Baubranche, die als Fachkräfte in den Umbau mit einbezogen sind, generieren beruflichen Nachwuchs. Die Studierenden sammeln fachliche und soziale Erfahrungen. Die Stadt Nieheim erhält historische Bausubstanz und schafft Bleibeperspektiven für die Asylsuchenden. Und die alteingesessenen Nieheimer bekommen Räume für handwerkliche und kreative Tätigkeiten

Finanziert wird die Sanierung des Hauses durch ein Städtebau-Sonderförderprogramm des Landes NRW und einen Eigenanteil der Stadt Nieheim. Die Kosten sind mit 426 000 Euro kalkuliert. Darüber hinaus sollen für die langfristige Nutzung des Gebäudes weitere Fördergeber, Sponsoren und Spenden gewonnen werden. Um den späteren Betrieb der Begegnungsstätte kümmert sich der gerade gegründete Verein „Heimatwerker Nieheim e.V.“

Mehr über das Projekt finde Ihr hier:

 

Refugees’ Kitchen aus Oberhausen

Vor Ort ist es nicht selten die Chili-Schote, die einander näherbringt. Die wohl meistverwendete Zutat dieser kulinarischen Geschichte führt nämlich gerne mal zu Diskussionen. „Was ist für Dich scharf? Was ist für mich scharf? Die Idee von Schärfe ist sehr individuell, auf etliche Themen übertragbar und immer Anlass für ein gutes Gespräch“, erzählt der Künstler und Architekt Christoph Stark vom Künstlerkollektiv „Kitev – Kultur im Turm e.V.“ in Oberhausen. Und wo finden diese Gespräche statt? In und vor der „Refugees’ Kitchen“, einer rollenden Küche mit multikulturellem Anspruch und viel Integrations-Potential.

Gemeinsam mit Ali Dor, Abdullhakim Nazari, Rachael Adebisi, Raymond Kpoghomou, Okechukwu Levi Kpaduwa und vielen weiteren Refugees haben die Kitev-Künstler im vergangenen Jahr in Eigenregie einen alten Kleinlaster renoviert und eine Container-Küche gebaut. Der Truck tourt nun als mobile Küche mit eigener Dachterrasse durchs Ruhrgebiet, macht bei Festivals und Veranstaltungen Halt und hat exotisches, manchmal auch ziemlich scharfes Street Food auf der Speisekarte. Monatelang hat das Team von Neu-Oberhausenern und Alteingesessenen zuvor in einer Industriehalle, die ein heimisches Stahlbauunternehmen zur Verfügung stellte, am Küchen-Truck geschraubt, geschweißt und lackiert. Wichtig war, dass der Container vom LKW herabgelassen werden kann, denn die Küche soll in jeder Hinsicht auf Augenhöhe und barrierefrei betrieben werden.

Gleichzeitig lernten die Geflüchteten in der temporären Werkstatt besser Deutsch und knüpften Kontakte. Vor allem der Schlosser Ali Dor aus Syrien war ein gefragter Mann, weiß Christoph Stark zu berichten. Auch dank seiner fachkundigen Hilfe konnte also am Ende der Motor gestartet werden. Im September 2016 war Tourbeginn. Erster Halt: Das Fest „Zollverein mittendrin“ auf der Zeche Zollverein in – und das hätte ja besser nicht passen können – Essen.

Das Kulinarische verbindet, schafft soziales Miteinander; der Ansatz des Projektes liegt auf der Hand, aber es steckt doch noch viel mehr dahinter. Denn dort, wo die Macher von „Refugees’ Kitchen“ ihren Gas-Herd anzünden, mit scharfen Messern Gemüse schnippeln und gut gewürzte Delikatessen aus Eritrea, dem Iran, Togo oder Syrien auf den Teller bringen, wird als Beilage auch ein kleines, erstes Stück gelungener Integration gleich mit serviert. „Uns war es wichtig, die Fähigkeiten der Menschen zu integrieren und nicht etwas für sie, sondern mit ihnen gemeinsam zu schaffen“, so Christoph Stark. Unter den Zuflucht suchenden Projektmachern sind nämlich Hausmeister, Handwerker, Schneider, Schlosser, Automechaniker und natürlich auch Köche wie der Palästinenser Feras Al Khateeb oder der Syrer Ahmed Abbas. „Wir stellten fest, dass die Menschen viel Tatendrang und Hoffnungen haben, was aber vielfach ungenutzt bleibt“, so Christoph Stark. Genau diese Energie war es, die das Küchenmobil schließlich erfolgreich auf die Straße brachte.

Aber die rollende Multi-Kulti-Kantine, bei der bis zu 4 Köche und viele Helferinnen und Helfer mit an Bord sind, möchte noch weit mehr sein: Infomobil. Über das Essen verabreicht „Refugees’ Kitchen“ in kleinen Häppchen auch Hintergründe zu Kriegen, Krisen und Fluchtgründen. Fastfood meets Fastfacts sozusagen. „Wir unterfüttern das Thema Flucht mit subjektiven Geschichten“, sagt Stark.

Die Idee ist inzwischen sogar preisgekrönt. „Refugees’ Kitchen“ wurde vom Kulturstaatsministerium als eines der bundesweit besten „Projekte zur kulturellen Teilhabe“ nominiert und hat beim Dortmunder Theaterfestival Favoriten den Publikumspreis bekommen. Gefördert wird und wurde die motorisierte Welt-Küche auch von der Innogy Stiftung, dem Fonds Soziokultur, der Sparkassen Bürgerstiftung, dem NRW Ministerium für Kultur und der LAG Soziokultur NRW.

Die gesellschaftliche und soziale Bedeutung des charmanten Küchen-Projektes, das sich schon jetzt über einen vollen Terminkalender 2017 freut, fasst Christoph Stark so zusammen: „Ganz wichtig ist es, dass Geflüchtete aus ihren konzentrierten und statischen Umgebungen heraus können. Sie verbinden sich mit einem anderen Teil der Stadtgesellschaft und werden so zu einem aktiven Part in der Stadt und im öffentlichen Raum. Das Gefühl zu vermitteln, nicht irgendwo geparkt zu sein, ist dem Projekt wichtig.“

Von wegen also: Viele Köche verderben den Brei. Stimmt überhaupt nicht. Scharfes Chili schafft Integration – müsste es heißen.

Internationale Gärten Göttingen e.V.

Viele Wege führen offenbar nicht nur nach Rom, sondern auch zum erfolgreichen Tomaten-Anbau. „Die bosnischen Frauen haben da ganz andere Methoden als die Deutschen und die Kurdinnen kennen wieder andere Tricks.“ Najeha Abid muss lachen, als sie von den Erkenntnissen aus dem Alltag ihres Gartens erzählt. Wobei, „ihres“ Gartens stimmt nicht ganz. Denn die Lehrerin aus dem Irak buddelt, jätet und pflanzt schon seit 21 Jahren mit Menschen aus inzwischen 20 verschiedenen Nationen gemeinsam auf einem großen Acker: Dem „Internationalen Garten Göttingen e.V.“

Es gibt keinen Zaun, kein Tor, keinen Schlüssel; hier kann jeder mitgärtnern, wie und wann er will. Immer freitags nachmittags und sonntags aber treffen sich die Gartenfreunde aus aller Welt, um gemeinsam zarte Pflänzchen zu hegen und zu pflegen. Auch in Punkto Verständigung ist dabei mit den Jahren etwas sehr Robustes gewachsen. Nicht nur die Pflanzen, auch ihre Gärtnerinnen und Gärtner haben Wurzeln geschlagen in der Fremde.

Das mit dem „einen“ Acker, auf dem Najeha Abid gärtnert, stimmt allerdings auch nicht mehr. Mittlerweile gibt es bereits zwei Internationale Gärten in Göttingen, in denen Migrantinnen und ihre deutschen Nachbarn gleich nebeneinander auf Parzellen Obst, Gemüse und Blumen anbauen und sich gegenseitig mit den besten Tricks und Kniffen weiterhelfen. Im sogenannten Friedensgarten und im Geismarer Garten; dort, wo alles begann.

Ende der 90er Jahre war der Göttinger Garten – damals sprießten die ersten Salate und Tomaten-Sämlinge noch in einer Baulücke – Deutschlands erstes multikulturelles „Urban-Gardening“-Projekt. Inzwischen weiß fast jedes Stadtkind mit dem Begriff etwas anzufangen, kaum eine großstädtische Brachfläche wird nicht mehr mit Saatgut besetzt. Heute gibt es bundesweit über 360 Gärten, die im „Bundesnetzwerk Interkulturelle Gärten“ in München bei der Stiftung Ertomis/„anstiftung“ gebündelt und zusammen geschlossen sind. Das Geheimnis, das diese enorme grüne Welle des Erfolgs trägt, ist schlicht: Gemeinsames Gärtnern macht Spaß, Sinn und verbindet. Schon auf der Internetseite des Göttinger Vereins wird der Leser mit diesen ersten Worten begrüßt: „Wir haben Spaß an bunt! “

„Die ersten Migrantinnen haben in Deutschland oft ihre Gärten zu Hause sehr vermisst. Und sie hatten viel Erfahrung mit dem Anbau von Obst und Gemüse“, erzählt Najeha Abid, die heute in Alphabetisierungskursen unterrichtet, aber ihre Freizeit immer noch am liebsten im Garten verbringt. Mit 12 Familien aus Bosnien, Afghanistan und dem Irak startete sie damals das erste gemeinsame Gartenprojekt. Man tauschte Saatgut aus und freute sich natürlich über eine üppige Ernte, die auch den Geldbeutel schonte, aber vor allem entwickelte sich der Garten schnell zu einem Ort der Begegnung und Freundschaft, erinnert sich Abid. „Es wurde viel gesprochen und viel gelernt.“ Und das ist bis heute so geblieben.

Jeweils 5000 Quadratmeter sind die beiden Gärten in Göttingen groß. Die Finanzierung ist denkbar simpel: Das Grundstück des Friedensgartens gehört der Stadt. 550 Euro Pacht zahlt der Verein pro Jahr für die Nutzung. Das Grundstück in Geismar wird von der Evangelischen Gemeinde kostenlos zur Verfügung gestellt. Wer eine Parzelle beackert, zahlt zwischen 20 und 30 Euro und zusätzlich 10 Euro Wassergeld im Jahr. Vereinsmitglieder ohne eigene Parzelle unterstützen das Projekt mit zehn Euro pro Jahr. In Eigenleistung ist für alle eine Kompost-Toilette gebaut worden. Gartenhäuser oder andere Gebäude gibt es nicht.

Bei schönem Wetter sitzt man in Göttingen oft bis spät abends im Garten zusammen und futtert Selbstgeerntetes. Najeha Abid etwa backt bei solchen Gelegenheiten gern im Garten auf heißen Steinen irakisches Hefebrot. In diesem Jahr möchten die Hobbygärtner gern ihren Kreis erweitern und auch neu angekommenen GeflüchtetenParzellen zur Verfügung stellen.

Initiative Bauen und Wohnen Köln

„Deutschland sucht den Superstar“ wird gleich um die Ecke in den RTL-Filmstudios produziert und ein großes schwedisches Möbelhaus ist dank reicher Beschilderung auch nicht zu verfehlen. Früher herrschte streng geordnete Kasernen-Atmosphäre in Köln-Ossendorf. Davon ist längst nichts mehr zu spüren. Viele junge Familien sind seit Anfang des Jahrtausends hergezogen. Wohnen ist in diesem Quartier – nur knapp zehn Kilometer von der Innenstadt entfernt – noch günstig möglich, und die meisten der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude der ehemaligen belgischen Streitkräfte, die hier bis 1990 stationiert waren, wirken auch 2017 immer noch wie frisch saniert.

Am Ende der Peter-Michels-Straße ist es besonders lebhaft, kunterbunt und grün. Große und kleine Hunde bellen, Hühner gackern, in einem Gemüsegarten sprießen die ersten Pflänzchen, Spielzeug liegt herum, unzählige Fahrräder lehnen an den Hauswänden, bemalte und bewohnte Bauwagen und Gartenhäuschen stehen rund um die zartgelb gestrichenen Häuser. Am Hof-Eingang begrüßt ein großes Holzschild den Gast: „Initiative Bauen Wohnen Arbeiten e. V.“, kurz IBWA. Willkommen in Deutschlands erfolgreichstem Wohnungslosen-Arbeitsprojekt.

130 Menschen – der Jüngste gerade mal drei Monate alt, der Älteste 76 Jahre – leben auf dem 6000 Quadratmeter großen Vereins-Gelände in 46 Wohnungen und zahlreichen Bauwagen und Hütten. Unter ihnen auch 25 Menschen, die früher lange auf der Straße gelebt haben. Und noch eine Besonderheit: Beim Umbau der ehemaligen Soldatenunterkünfte zu Wohnungen haben Obdachlose aktiv mit angepackt. „Obdachlose Menschen verfügen über enorme Ressourcen. Sie überleben schließlich auf der Straße“, weiß Dieter Breuer, Künstler, Vereinsmitglied und selbst seit vielen Jahren Bewohner auf dem Gelände. „Diese Ressourcen haben wir hier konstruktiv genutzt.“

Hauptanliegen des Vereins, den Künstler, Architekten, Streetworker und engagierte Privatleute damals gründeten und die ihm bis heute angehören, ist es, die soziale Ausgrenzung von Obdachlosen zu überwinden und ihnen wieder ein Dach über dem Kopf und auch dauerhafte Beschäftigung zu bieten. „Wohnungslose bauen für Wohnungslose“ war zu Projektbeginn 1997 Motto und Grundprinzip zugleich – und es funktioniert bis heute. Damals wird zunächst ein Finanzierungskonzept für das ins Auge gefasste Grundstück samt Kasernenhäusern entwickelt sowie ein Bauantrag bei der Stadt und ein Förderantrag beim Land NRW gestellt. Grundstück und Häuser können schließlich vom Verein erworben werden. Der Umbau beginnt. Von da an sind die Obdachlosen die Hauptakteure.

Ziel ist es von Anfang an aber auch, eine möglichst heterogene Bewohnerschaft anzusiedeln. „Wir wollten ja kein Ghetto mit einem Schild: Achtung Behinderte“, betont Breuer nachdrücklich. Mit den ehemaligen Wohnungslosen leben heute kinderreiche Familien, Senioren, Alleinerziehende und Geringverdienende Tür an Tür in der Peter-Michels-Straße 1-9. Die Wohnungen sind zwischen 45 und 120 Quadratmetern groß, etwa ein Drittel sind Single-Wohnungen. 6,90 Euro warm beträgt die Miete pro Quadratmeter, was für Kölner Verhältnisse sehr günstig ist, und nur möglich, weil alleine beim Umbau 500 000 Euro durch Eigenleistung erwirtschaftet werden konnten. Außerdem flossen Wohnungsbaufördermittel in das Projekt und eine Bank gewährte ein Darlehen. Um die Instandhaltung kümmert sich der gemeinwohlorientierte Verein heute selbst.

„Natürlich gibt es auch mal Probleme und Streitereien. Viele Obdachlose haben psychische und physische Probleme, das ist nicht immer einfach“, verschweigt Breuer nicht, fügt aber hinzu: „Die Fluktuation ist dennoch sehr gering. Und unsere Wartelisten sind ziemlich lang. Jeden Tag bekommen wir neue Anfragen.“ Der Grund für die große Nachfrage auch bei den Obdachlosen liegt wohl in der Offenheit und Flexibilität des Projektes. So habe man etwa die Erfahrung gemacht, dass es für manche psychisch kranke Obdachlose durchaus bedrohlich ist, wieder in festen vier Wänden mit direkten Nachbarn zu leben, schildert Breuer. „Dann ist ein Bauwagen oder eine Hütte einfach die bessere Alternative und die können wir auch bieten.“

Aber Bauwagen oder Wohnung alleine holen ehemals obdachlose Menschen noch nicht zurück in einen geregelten Alltag. Dazu sind Jobs nötig und auch die kann der Verein bieten. Ein eigener Naturbaubetrieb wirtschaftet auf dem Gelände. Er beschäftigt insgesamt 50 Menschen. Insgesamt 22 dauerhafte Voll- und Teilzeit-Stellen gibt es, dazu etliche Jobs im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen. So kümmern sich die Mitarbeiter täglich zwischen 9 und 15 Uhr um die Instandhaltung des Geländes und der Wohnungen. Eine Kantine bietet einen Mittagstisch an, es gibt eine Holz- und Metallwerkstatt, einen kleinen Gartenbetrieb und eine eigene Hühnerschar, deren Eier man verkauft. „Wir können die Menschen also direkt von der Straße in den Arbeitsprozess integrieren“, so Breuer. Sie sind sozialversicherungspflichtig angestellt und leben wieder mit einem ordentlichen Mietvertrag. Viel wichtiger noch, sie haben aus eigener Kraft den Weg zurück in die Gesellschaft gefunden.

Weil die Erfahrungen der letzten 20 Jahre allen Beteiligten Mut gemacht haben, ist nun ein zweites, ähnliches Wohn- und Arbeits-Projekt mit Obdachlosen und Geflüchteten im einen Kilometer entfernten Stadtteil Bilderstöckchen in Planung. Ein geeignetes, schon lange leerstehendes, städtisches Gebäude ist bereits gefunden. Derzeit wird der Kaufpreis verhandelt.

 

Autor/en

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.