Foto: Axel Oeland

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Immobilien von vielen für viele? Die soziale Frage in nachbarschaftlichen Strukturen

„Warum nimmt uns die Stadt nicht ernst?“ Wer ein gemeinschaftliches Wohnprojekt aufbaut, einen Reparaturtreff anleitet oder Räume für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in einer Kleinstadt sucht, kennt die Probleme einer Stadtpolitik, die auf „professionelle Investoren“ orientiert ist. Auch Verwaltungen, deren Bürokratie Freiräume für Engagement manchmal regelrecht zu erdrücken scheinen, machen es Initiativen nicht leicht. Warum werden wir ausgeschlossen? Verwirklichen nicht diese Projekte das Versprechen einer pluralen Gesellschaft? Hier ein Gastbeitrag aus dem Infobrief #7 Starke Vielfalt von Michael Stellmacher:

Wer genauer hinschaut, sieht, dass viele ursprünglich sehr motivierte Projekte genau jenes Hierarchiedenken und jene subtilen Ausschlüsse in ihren Organisationsstrukturen reproduzieren. Sie tun dies selten bewusst, doch oft unter dem Druck gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – manchmal mit Ratschlägen wohlmeinender Beraterinnen und Berater.
Da ist die Initiative für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt, die ganz zufällig nur noch aus Mittelschichtsfamilien besteht, weil niemandem aufgefallen ist, dass die Werbung „Wir suchen Mitstreiter! Eigenanteil 50.000 Euro“ nur einige anspricht. Da ist der interkulturelle Stadtteiltreff, der nur von übermotivierten Deutschen ohne Migrationshintergrund geleitet wird, die „nur helfen wollen“. Da ist das etablierte Kulturzentrum, das sich gegen jugendliche Hausbesetzer in der Nachbarschaft positioniert, aus Angst, die Fördermittel könnten gestrichen werden…

Damit Initiativen nicht einfach in diese Fallen tappen, hilft es, wenn Projektmacher den Blick auf ihre eigenen Strukturen schärfen und sich als Orte von vielen für viele ernstnehmen:

„Für viele?“ Für wen sind unsere Angebote? Wer kann sich den Eintritt leisten? Oder wie können wir erreichen, dass ihn sich mehr leisten können. Auch wenn es fast immer wirtschaftliche Zwänge gibt, lässt sich damit doch oft gut umgehen, wenn dieses erst einmal thematisiert wird: Von Eintrittspreisen mit Preisspanne über solidarisch gestaffelte Wohnungsmieten bis hin zum gemeinsamen Bemühen, mit dem Kulturzentrum manchen ein Einkommen zu sichern.

Doch nicht nur der Preis ist wichtig: Welche Bevölkerungskreise lädt die Ästhetik unseres Raumes ein? Welche (Sub)Kultur fühlt sich hier wohl? Für welche Altersgruppen ist das Angebot geeignet? Nicht wenige Alternativprojekte würden sich gern für ältere Menschen öffnen, können sich aber nicht vorstellen, dass diese Zeit mitbringen, jede Woche auf mehrstündigen Plenen zu sitzen. Nicht wenige Seniorentreffs würden auch gern Jüngere begrüßen, sind aber mit ihrer sterilen Optik wenig ansprechend.

Doch Teilhabe zeigt sich nicht allein darin, dass ein Raum möglichst vielen Angebote macht, sondern auch darin, wer ihn gestaltet:

„Von vielen?“ Wer gestaltet den Raum mit? Zwischen einer kleinen Organisationsgruppe und wöchentlichen Vollversammlungen sind viele Wege denkbar. Entscheidend ist, dass viele Nutzer ihre spezifischen Belange in die interne Organisation der Räume einbringen können. Dazu gehört auch gedanklich die Schwelle zwischen „uns“ (den Organisatoren) und „denen“ (Nutzer und Nachbarschaft) zu überwinden. Alle gestalten einen öffentlichen Raum mit – wenn auch in unterschiedlichen Rollen: im Büro oder als Besucher.

Ob ein Raum zugleich ein öffentlicher Raum ist, zeigt sich immer dann, wenn auch Themen aufkommen, die nicht zu seinem Kernanliegen gehören. Öffnet das Wohnprojekt seinen Gemeinschaftsraum auch für die Mieterinitiative aus der Nachbarschaft? Bietet das Kulturzentrum der Hausbesetzungsgruppe ein Forum, um gemeinsam über Raumbedarf in der Stadt zu diskutieren? Kann sich der Stadtteilchor abends im Gruppenraum des Kindergartens treffen? Solche Querverbindungen kommen nie von selbst zustande. Sie brauchen ein aktives Sich-Öffnen der Raumorganisatoren, da jede neue Initiative die etablierten Räume in der Regel als Teil des schon Gegebenen wahrnimmt.

Ob all das funktioniert, zeigt sich spätestens, wenn Projekte in die Krise geraten. Hier zeigt sich, ob eine Initiative vor sich hin wirtschaftet oder eingebettet ist in nachbarschaftliche oder überregionale Netzwerke. Setzt sich in einer finanziellen Schieflage der Chef des Kulturzentrums hin und kungelt mit dem Jobcenter eine Förderung aus, die Langzeitarbeitslose dazu verpflichtet, das Gebäude zu sanieren? Stagniert das gemeinschaftliche Wohnprojekt nach Jahren und wird schließlich in Privateigentum einzelner übernommen „weil es ja doch nicht funktioniert“? Oder wird gerade die Krise zum Anlass genommen, das eigene drohende Scheitern öffentlich zu machen? Werden Nutzer und Außenstehende des Raums eingeladen, gemeinsam Gründe und Vorschläge dafür zu diskutieren und damit den Raum wiederum als einen von vielen für viele ernst zu nehmen?

„Verhandeln auf Augenhöhe!“; „Räume von vielen für viele!“ sind Forderungen, die sich nachbarschaftliche Räume immer wieder auch selbst stellen müssen. Dann können sie tatsächlich Bausteine einer solidarischen Gesellschaft sein.


Über den Autor: Michael Stellmacher ist im Haus- und WagenRat e.V. in Leipzig aktiv. Er berät Haus- und andere Projekte, all diese hehren Ziele ganz praktisch umzusetzen.

Mehr erfahrt Ihr im Leitfaden für Hausprojekte.

Autor/en

Foto: Thomas Puschmann

Michael Stellmacher Haus- und WagenRat e.V. , Leipzig Als Projektberater unterstützt er Initiativen dabei, Organisationsformen für ihr Wohn- oder Kulturprojekt zu finden, Mietergemeinschaften dabei, ihr Haus in Selbstverwaltung zu übernehmen. Der Haus- und WagenRat e.V. setzt sich in Leipzig für selbstorganisierte Räume als Bausteine einer solidarischen Stadtgesellschaft ein.