Gastraum VinziRast-mittendrin - Foto: kurt-kuball_kl(2)

Gastraum VinziRast-mittendrin - Foto: kurt-kuball_kl(2)

VinzRast-mittendrin, Wien – Selbstbau im Sozialprojekt

Im Projekt VinziRast-mittendrin wurde in Wien dank der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan die Idee eines gemeinsamen Wohnens und Austausches zwischen Studierenden und Obdachlosen Realität. Dank der Hilfe der Haselsteiner Familienstiftung konnte ein Haus in der Lackierergasse10/Währingerstraße 19 in Wien erworben werden. Mit der Unterstützung vieler privater Spender und Spenderinnen, Firmen und unzähliger freiwilliger Helfer, darunter auch viele ehemalige Obdachlose und jetzige Bewohner, wurde das Haus generalsaniert. Der Aus- und Umbau wurde vom Architekturbüro gaupenraub +/- mit Alexander Hagner geplant und mit viel Liebe für besondere Baustoffe und Gemeinwohl realisiert. Alexander Hagner hat uns erklärt wie:

Gemeinsames Tun intensiviert die Beziehung von Menschen – basierend auf dieser Erfahrung und ausgerichtet auf dieses Ziel entstanden in den letzten Jahren einige unserer Projekte.

Im öffentlichen Lokal des Wohnprojekts VinziRast-mittendrin für obdachlose Menschen & Studierende entstand so ein einzigartiges Ambiente. Während der Konzeptionsphase zur Innenraumgestaltung folgten 2012 zwei Situationen aufeinander: Zum einen der Besuch im von lacaton & vassal gestalteten Lokal im Wiener Museumsquartier und die dort entstandene Überlegung, dass unser mittendrin-lokal entsprechend der Besonderheit eines Gebäudes zum gemeinsamen Leben von obdachlosen Menschen und Studierenden zumindest ebenso besonders aussehen muss. Zum anderen die anschließende Begegnung mit dem Abfallcontainer am Weg über den Naschmarkt. Hier fallen täglich unzählige Obst- und Gemüsekisten an, die aufgrund der Lebensmittelverordnung kein zweites Mal für Nahrung verwendet und somit direkt zu Müll werden – nun, was für ein schöner Zufall…

Dank der dem Verein Vinzensgemeinschaft St. Stephan angeschlossenen Notschlafstelle VinziRast gab es viele potentielle Helfer aus den Reihen derer, die nach dem morgendlichen Verlassen der Notunterkunft nicht wirklich wissen, wie sie den Tag verbringen können, bevor sie abends wieder um Aufnahme bitten. So fiel erstmals bei der Realisierung eines Architekturprojekts die Arbeitsleistung von Menschen monetär weniger ins Gewicht als die Kosten für Material.

Die initiierenden Studierenden des Projekts VinziRast-mittendrin wollten ein Projekt zur Ermöglichung von gemeinsamen Tun – warum nicht gleich damit beginnen?

Noch 2012 bekamen wir über den Winter ein leerstehendes Ladenlokal im dritten Bezirk temporär zur Verfügung gestellt, das wir als „Kistchenwerkstatt“ eingerichtet haben. Während die einen über 6 Monate auf Wiens Märkten Kisten einsammelten, haben die anderen sie in der Werkstatt zerlegt und die gewonnenen Brettchen feinsäuberlich nach Breite geschlichtet.Foto: gaupenraub +/-

Eine Tischlerei hat sich ehrenamtlich bereiterklärt, die Brettchen in zwölf unterschiedliche Gruppen je gleicher Breite zu schneiden (ohne zuvor wirklich zu ahnen, worauf sie sich damit eingelassen hat). Und schließlich fanden alle Brettchen ihren Weg ins künftige Lokal, um diese dort auf rohe Spanplatten zu tackern, die zuvor auf den unverputzten Wänden und Decken angebracht wurden. Künftige Bewohnerinnen und Bewohner, Studierende, Nachbarn, Obdachlose, meine Kinder und einfach jede Form von Freiwilligen – in Summe über 50 Menschen – waren alleine hier involviert.

Unser erwünschtes Ergebnis erforderte ein ca. halbstündiges Briefing jedes neuen Helfenden, wie genau dabei vorzugehen war. Dder Wechsel von breiten Reihen zu mittelbreiten oder schmalen Reihen war nicht dem Zufall überlassen, ebenso wenig die Aufeinanderfolge von kurzen auf lange Exemplare und auch deren aufgedruckte Schriften und ihre Farbigkeit spielten eine Rolle in ihrer Positionierung. Das Zusammentreffen der beiden Raumrichtungen musste in einer speziellen Art von Gehrung ausgeführt werden, die Wandabwicklung um die Raumkanten war zu befolgen und die Ecken selbst mussten ähnlich einer tischlermäßigen Fingerzinkung ausgeführt werden, etc. etc. Zuerst wurden wir der Schikane verdächtigt, aber je mehr Brettchen beieinander waren, je klarer zeigte sich die Sinnhaftigkeit des Aufwands.

Worum geht es uns bei dem Projekt?

Natürlich ist die Verwendung von Behältnissen für Lebensmittel – noch dazu solche für eine gesunde Ernährung wie Obst & Gemüse – für ein Lokal, in dem es gutes Essen geben soll, naheliegend und auch die verschiedensten Herkunftsländer, dokumentiert über die Aufdrucke auf den Brettchen, geben einen Hinweis sowohl zur geplanten weltoffenen Küche, wie auch zu ebensolchen zu erwartenden Gästen – aber die Idee reicht tiefer:

Hier gibt es helle neben dunklen Brettchen, welche mit bunter Schrift oder mit wilder Maserung und andere ganz ruhige gleichmäßige, aber auch eingerissene und ebenso fast perfekte. Es gibt kurze und lange und breite und schmale und alle Formen dazwischen … jedes einzelne Kistchen war Abfall, jedes Brettchen für sich ist sowieso Müll – aber über die Art, wie wir damit umgegangen sind, entstand etwas völlig anderes und ein ganz besonderer Raum.

Die Idee von Vinzirast-mittendrin ist, dass der Umgang miteinander die Qualität einer Gemeinschaft bestimmt und nicht die Ausgangssituation alleine – was wäre da naheliegender als diese Form der Gestaltung? Die Verwendung von Kaffeesäcken für den Bezug der Polster war dann natürlich nur eine schlüssige Konsequenz.

Die übrige Gestaltung und Möbelauswahl folgte einem Balanceakt zwischen zu „shabby“ und zu „high end“, wollten wir doch die benachbarten Nationalbankangehörigen als zahlende Mittagsgäste genauso ansprechen wie die Einwohner, die das lokal für eine konsumfreie Pause verwenden.

Eckdetail Gastraum - Foto: kurt_kuballMan muss diese Überlegungen nicht kennen – wirklich wichtig ist, dass der umgebende Raum eine Rolle spielt und seine Qualität das Leben darin beeinflusst. Und sei es am Ende nur über die gute Akustik oder die warme Ausstrahlung, die mit Holzoberflächen erreicht werden kann. Wir hatten ursprünglich einen Bedarf von 6.000 Brettchen errechnet, benötigt haben wir schließlich über 10.000 – ein unglaublicher Arbeitsaufwand möge man meinen – tatsächlich aber konnten viele nach dem Anbringen der ein oder anderen Brettchenreihe gar nicht erwarten, die nächste zu Tackern. Diese Arbeit hatte – wie schon das anstrengende aber fast meditative zerlegen der Kistchen zuvor – Suchtpotential. Bei welchem Kistchen soll man wirklich aufhören, Feierabend machen? Ein Brettchen geht noch …

Das mit den Kosten ist ebenfalls eine Besonderheit: Wir hatten keine Kosten im Budget für die Innenraumgestaltung des Lokals und haben nun trotzdem ein super Ambiente, das die Gäste mögen und somit immer wiederkehren. Das Lokal macht mehr Umsatz, als für die Rückzahlung der Kredite für den Gesamtumbau eingerechnet wurde. Die Kosten sind unberechenbar. Was kosten 50 Menschen, die in ihrer Freizeit solche Arbeiten verrichten? Was würde es kosten, jemanden bezahlterweise auf Märkte zu schicken, um ein paar tausend Obst- und Gemüsekistchen einzusammeln und zu zerlegen? Wir hatten kein Geld und keine Lust zu einem 0815-Ausbau, also enstand ein unbezahlbares Lokal.

Alle, die zu diesem Gemeinschaftswerk beigetragen haben, sind heute mit ihren Namen (natürlich in Kistchenschablonenschrift) auf den Brettchen verewigt. Aber noch mehr stolz sind sie auf das Ergebnis, das sie gemeinsam geschaffen haben.

Autor/en

Foto: Markus Rössle

alexander hagner gaupenraub+/- Alexander Hagner gründete mit Ulrike Schartner 1999 das Wiener Architekturbüro gaupenraub+/-, das sie seither gemeinsam führen. Neben ihren außergewöhnlichen Projekten wie zum Beispiel dem 2010 gebauten Eiermuseum für den Bildhauer Wander Bertoni finden vor allem ihre realisierten Arbeiten für benachteiligte Menschen wie z.b. die Notschlafstelle VinziRast (2004), das Memobil (2012), ein Möbel für Demenzkranke oder die VinziRast-mittendrin (2013), ein Gebäude für das Zusammenleben von obdachlosen Menschen und Studierenden sowie die kürzlich fertiggestellte Wohngemeinschaft für Flüchtlinge VinziRast HOME inzwischen international Beachtung. Parallel übernahm Hagner seit 20 Jahren externe Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen und ist 2015 bis 2016 Gastprofessor an der TU-Wien. Im Herbst 2016 startet Hagner die neue Stiftungsprofessur für soziales Bauen an der Architekturfakultät der FH Kärnten.