Foto: Martin Zeller

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Gundeldinger-Feld: Kosten sparen durch die Verwendung von Recycling-Baustoffen und einen schrittweisen Um- und Ausbau

Das „Gundeldinger Feld“ ist ein gemeinwohlorientiertes Quartierszentrum in einer ehemaligen Maschinenfabrik und liegt in einem dicht besiedelten, innenstadtnahen Viertel von Basel. „Vom Traum zum Raum“ sagt die Schweizer Architektin Barbara Buser, wenn sie das im Jahr 2000 realisierte Projekt vorstellt. Heute beherbergt es Gewerberäume für Handwerker, eine Kletterhalle, ein Familienzentrum, eine Bibliothek, eine Kita, ein Backpacker Hostel, ein Restaurant, eine Mittagskantine, Sitzungsräume und einen Saal für die Nachbarschaft. Betrieben wird das Zentrum von der gemeinwohlorientierten „Kantensprung AG“, die keinerlei Gewinn erzielen möchte. Beim damaligen Umbau konnten durch die Verwendung von Recycling-Baustoffen und durch einen bewusst langsamen, schrittweisen Um- und Ausbau viele ungewöhnliche und kostengünstige Lösungen gefunden werden.

Recyclingbaustoffe

Bei Sanierungen und Abbrüchen von Gebäuden fallen tonnenweise Bauteile von hervorragender Qualität an, die noch lange nicht das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben. Diese Bauteile zu bergen, zu reinigen und wieder in den Kreislauf zurück zu bringen haben sich die Bauteilbörsen zum Ziel gesetzt. So können Berge von Abfall vermieden und Ressourcen geschont werden. Logischerweise sind Bauteile aus Bauten bis 1950 leichter zu recyceln als solche neueren Datums, weil sie vielfach aus massiven Materialien bestehen, und die Verbindungen unter den Materialien wieder zu lösen sind: es wurde damals viel geschraubt, und weniger geleimt und genagelt.

Seit den 60ger Jahren werden auf dem Bau immer mehr Kompositmaterialien verarbeitet (z.B. Parkettböden), es wird vor allem geleimt, geschäumt und getackert. Das erschwert den Ausbau einzelner Bauteile und -materialien und verhindert die Wiederverwendung. Es bleibt im besten Fall die Möglichkeit, die Materialien sortenrein zu trennen, zu zerkleinern und wieder zu neuen Baustoffen zusammen zu setzen. Das ist hingegen nicht Recycling sondern Downcycling! Die damals gängige Verwendung von Schadstoffen wie Asbest, PCB, Formaldehyd, Holzschutzmitteln, etc. stellt eine zusätzliche Komplikation bei Abbrüchen dar (parkettBild: Parkettböden).

Planer und Architekten sollten deshalb nicht nur darauf achten, mit biologisch unschädlichen Materialien zu arbeiten, sondern auch die Konstruktionen demontierbar zu gestalten. Der im Bereich der Lebensmittelproduktion geprägte Begriff „cradle to cradle“ fordert geschlossene Materialkreisläufe, wird auch auf die Bauwirtschaft angewendet und bedeutet, dass Architekten und Planer den gesamten Lebenszyklus aller verwendeten Materialien eines Bauwerkes durchdenken und schließen müssen. Eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe!

Die Wiederverwendung von gebrauchten Bauteilen erfordert ein Umdenken von Seiten der Architekten: werden wie normal die Fenster aus der Fassade heraus entwickelt, so findet man kaum passende gebrauchte Teile. Werden jedoch zuerst die gebrauchten Fenster gesucht und definiert, so kann die Fassade einfach an diese angepasst werden.

 

Interessant wird die Wiederverwendung vor allem dann, wenn auch die graue Energie in die Rechnung einbezogen wird: Wiederverwendete Bauteile können mit Null eingesetzt werden, da sie ja schon vorhanden sind, während bei neuen Bauteilen viel graue Energie für Herstellung und Transport verbraucht wird. Das Bergen von Bauteilen aus Abbrüchen ist arbeitsintensiv und deshalb bei hohen Arbeitslöhnen nicht rentabel. Es wird vor allem dann interessant, wenn die Arbeitskosten im Verhältnis zu den Materialkosten niedrig sind. Zahlreiche Bauteilbörsen und –läden können nur existieren, weil sie mit Rentnern, Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern arbeiten.
Zwischen dem Bergen, Reinigen und Lagern von gebrauchten Bauteilen und deren Wiederverwendung braucht es eine Vermittlung. Seit über 20 Jahren gibt es in der Schweiz und in Deutschland dafür die Internetplattformen bauteilclick.ch und bauteilnetz.de, auf denen Tausende von gebrauchten Bauteilen dokumentiert und zum Verkauf ausgeschrieben sind.
Die Wiederverwendung von Bauteilen ist vor allem beim Selberbauen kostengünstiger: Ein Keramik-Waschtisch kann nicht so einfach selber hergestellt werden, wohl aber sehr einfach selber abgebaut, gereinigt und wieder montiert werden. Und ein hundertjähriger intakter Waschtisch oder ein Massivholz-Parkettboden halten bei guter Pflege weitere hundert Jahre! Alte Wasserhähne bieten vielleicht nicht den Komfort eines elektronisch gesteuerten Duschenmischers, funktionieren aber nach dem Einsatz neuer Dichtungen jahrzehntelang tadellos weiter.BadBauteile

Spuren des Gebrauchs sollten nicht nur bei Antiquitäten positiv bewertet werden, sondern auch bei „gewöhnlichen“ Bauteilen! Eine „altmodische“ Formgebung kann durch innovative Anordnung oder eine Kombination mit neuen Elementen wieder attraktiv werden (Bild: Bad  Solothurnerstr. 51, Basel).

Bei Haushaltsgeräten stellt sich die Frage nach dem Energieverbrauch. Hier muss sorgfältig geprüft werden, ob die Geräte den heutigen energetischen Anforderungen noch genügen. Aber auch da ist die graue Energie ein wichtiger Faktor: Eine alten Waschmaschine kann noch jahrelang weiterverwendet werden, bis die graue Energie für die Herstellung einer neuen Maschine kompensiert ist. Richtiges Befüllen der Maschine und Dosieren des Waschmittels, d.h. das Nutzerverhalten ist ein weiterer Faktor, der den Gesamtenergieverbrauch beeinflusst.

Schrittweiser Um- und Ausbau

Eine schrittweise, dem Projektfortschritt angepasste Planungs- und Bauweise kann helfen Kosten zu sparen. Mit der „rollenden Planung“, bei der nach bestimmten Zeitintervallen eine bereits erfolgte Planung aktualisiert, konkretisiert und überarbeitet wird, wird das Risiko einer Fehlplanung minimiert. Die baulichen Maßnahmen können dem Projekt optimal angepasst werden. Fehler werden rasch erkannt und können korrigiert werden.

Dem kann gegenübergestellt werden, dass bei größeren Bestellungen Mengenrabatte gewährt werden. Vielfach wird dann aber mehr bestellt als man tatsächlich braucht, sodass der vermeintliche Vorteil doch teuer erkauft ist.

Planer und Bauhandwerker sind meist bestrebt, alle Eventualitäten vorausschauend zu berücksichtigen. Dadurch entstehen hohe Kosten, die sich vielleicht im Rückblick gelohnt haben werden – oder auch nicht! Zum Zeitpunkt des Bauens sind sie kaum finanzierbar und können dazu führen, dass ein Projekt gar nicht realisiert werden kann. Nach der Pareto Regel erreicht man mit 20% des Aufwandes 80% des Resultates. Die restlichen 80 % kann man sich sparen, ohne bei der Funktion Abstriche machen zu müssen. Dekorationselemente können immer noch nachträglich eingefügt werden.

Kostensparend ist es auch, nicht alles von Beginn an fertig und definitiv machen zu wollen: Eine grosse Investition aufzuschieben, zunächst mit einem Provisorium zu arbeiten, spart Zins- und Amortisationskosten. Und außerdem: erst nachdem man die Räume einige Jahre genutzt und bespielt hat wird klar, was man wirklich braucht und was nicht. So können durch schrittweises, bedürfnisgerechtes Umbauen größere Fehlinvestitionen vermieden werden.

 

Autor/en

Foto: B. Buser

Barbara Buser insitu baubuero Barbara Buser (*1954) studierte Architektur an der ETH Zürich. Nach 11 Jahren im Sudan und in Tansania gründete sie 1995 die „Bauteilbörse Basel“ und das „Bauteilnetz“ und führt und präsidiert diese bis 2006. Mitbegründerin mehrerer Genossenschaften und gemeinschaftlichen Projekten in der Schweiz. In 1999 Gründung baubüro insitu AG, welches bis heute 35 MitarbeiterInnen in den Bereichen Renovation, Sanierung und Umbau beschäftigt. Initiiert und realisiert seit 2000 mit der Kantensprung AG die Umnutzung der Maschinenfabrik Sulzer-Burckhardt zum Quartierzentrum des Gundeldinger Quartiers in Basel, dessen Präsidentin sie bis heute ist. Weitere aktuelle Projekte sind: Gewerbe- und Freizeitzentrum „Walzwerk“, Gründet und präsidiert den Verein „unterdessen“ zur Zwischennutzung von städtischen und privaten Liegenschaften, Markthallen AG Basel die Umnutzung der alten Markthalle zum urbanen Marktplatz und deren Kauf durch die Stiftung Edith Maryon, Initiiert und realisiert mit der Stiftung Edith Maryon die Umnutzung des ehem. Brauerei Areals KINDL in Berlin zum Zentrum des Kiez Neukölln, Genossenschaft „Wohnen & mehr“ für die Umnutzung des Felix Platter Spital Areals mit 500 Wohnungen, u.v.a