Grundbau und Siedler IBA Hamburg - Foto: Götz Wrange

Grundbau und Siedler IBA Hamburg - Foto: Götz Wrange

Selbstbaustadt NEUBAU – oder city of assembly

Deutschland im Jahr 2016 ist von Migration geprägt, in den Metropolregionen herrscht Wohnungsnot, andere Regionen schrumpfen. Bis zum Jahr 2026 müssen 4 Millionen Wohneinheiten neu gebaut werden, 400.000 pro Jahr, 50% von ihnen sollten bezahlbare und sozial geförderte Wohnungen sein. Deutschland braucht ein neues Wohnungsbau-Programm.

Das Projekt NEUBAU bietet hierfür eine Lösung an. Es entwickelt das in Hamburg auf der IBA realisierte Projekt „Grundbau und Siedler“ im großen Maßstab weiter. Die neuen Stadtviertel sind „cities of assembly“. Sie werden in Koproduktion errichtet, zwischen Selbstbestimmung und Planung entstehen vielfältige Räume der Gemeinschaft, der Produktion, des Gewerbes und des Privaten. NEUBAU stellt die Frage nach dem baulichen Rahmen, in dem Teilhabe realisiert werden kann. Mit dem Projekt „Grundbau und Siedler“ auf der IBA Hamburg, 2010 – 2013, hat BeL Sozietät für Architektur aus Köln gezeigt, dass Selbstbau im Geschoßwohnungsbau möglich ist. Der leere Grundriss schreibt das Prinzip des „Dom-ino Hauses“ von Le Corbusier aus dem Jahr 1914 fort. Als Regal bietet es ideale Voraussetzungen für Aneignung, für Weiter-, Um- und Ausbau. Der leere Grundriss ermöglicht selbstbestimmtes Handeln, die offene Grundstruktur eine flexible Nutzung über einen langen Zeitraum. „Grundbau und Siedler“ erfüllt deutsche Energiestandards und bietet in fünf Geschossen zwölf gestapelte Parzellen in Eigentum und Miete zum Selbstausbau.

Der Grundbau enthält alles, was man zum Bau und Betrieb einer Einheit braucht. Die Siedler können vom ersten Tag an ihre Werkstatträume im Erdgeschoss benutzen und von dort aus die eigene Baustelle betreiben. Der Grundbau ist mit einem umlaufenden Balkon als permanentem Gerüst versehen, alle Anschlüsse liegen auf den jeweiligen Parzellen, das Treppenhaus und der Aufzug stehen bereit. Ein Gerüst ist nicht notwendig, alle Arbeiten der Siedler können auf dem 70cm breiten Balkonstreifen ausgeführt werden. Die Siedler erwerben einen kompletten Bausatz zur Herstellung einer typischen Siedlerwohnung. Im Bausatz ist das gesamte Baumaterial enthalten. Die Details des Hauses sind so gewählt, dass sie eine gewisse Fehlertoleranz besitzen. Die Grundbau und Siedler - Foto: Veit LandwehrDecken sind wasserdicht, macht man etwas falsch, regnet es beim Nachbarn nicht hinein. Wer möchte, kann die Empfehlungen und die Ausstattung des Bausatzes ignorieren und improvisieren. Das beim Kauf der Wohnung miterworbene Handbuch erklärt kapitelweise den Bau der eigenen Wohnung.

Das Projekt NEUBAU denkt den Selbstbau in den städtebaulichen Maßstab weiter. Das Projekt zeigt aktuell auf der Architekturbiennale in Venedig (noch bis Ende November) in einem großen Modell vier Selbstbaustädte in deutschen Wachstumsregionen.

NEUBAU stellt sich der unausweichlichen Größe des Wachstums Deutschlands. Die schiere Zahl der Wohneinheiten ruft nach dem großen Maßstab, nach Planung – etwas, das nach Jahren eines Städtebaus von unten, kleinen städtischen Interventionen, Partizipationsprojekten und ausgefeilten demokratischen Praktiken aus einer anderen Zeit zu entstammen scheint.

NEUBAU urbanisiert die Peripherie, sie verdichtet diese, denn in der Peripherie kann man bezahlbare Grundstücke für sozialen Wohnungsbau finden. Das Entwurfskonzept besteht aus einer räumlich festen Gesamtheit, die aber Adaption und Modifikation verträgt. Die zwölf unterschiedlichen Gebäudetypen können verändert, angebaut oder verlegt werden.

Architektur als „elastischer Urbanismus“ schafft so Ordnung und gleichzeitig Gemeinwesen für die Entfaltung des Individuums. Die „city of assembly“ besteht aus Inseln von Diversität und Gemeinschaftlichkeit, mit einer Vielzahl von öffentlichen Räumen. Die Planung sieht Grundstücke für Projektentwicklungen von Supermärkten, Hochzeitssälen, Industrie und Gewerbe- oder Freizeitkomplexe vor. Die „city of assembly“ ist die Stadt der vielen.

Die Selbstbaustadt ist eine Möglichkeit für die Produktion von kosteneffizienten Wohnungen. Selbstbau reduziert die Baukosten und erzeugt soziale Interaktion und gemeinschaftliches Engagement. Die Selbstbaustadt entsteht mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Modellen. Die „city of assembly“ entsteht in Koproduktion – alle Akteure machen mit. Die Expertise des Architekten trifft auf die Selbstbestimmung der Selbstbauer und Benutzer. Öffentliche, kooperative und kommerzielle Entwickler nehmen an ihrer Gründung teil. Es ist ein organisiertes Gleichgewicht zwischen Ordnung und Anarchie. Baufirmen errichten die Grundstuktur, Handwerker unterstützen die Siedler mit technischen Informationen. Die Konstruktionen der Siedler werden die allumfassenden deutschen Standards erweitern, auflösen und hinterfragen.

Die Selbstbaustadt entsteht aus Konglomeraten von Transfertypologien. Diese werden aus Referenzen, Re-Kombinationen und Modifikationen von weltweit überlieferten Typen generiert. Der Typ des Hofhauses führt beispielsweise zu einer Serie aus vieldeutigen architektonischen Gebilden. Sie nehmen Beziehungen zu orientalischen Karawansereien, englischen Kollegiengebäuden, Utopien französischer Frühsozialisten und frühindustriellen Lagerhäuser auf. Es entstehen eigene autonome Erfindungen, architektonisch und kulturell hybride Spezies.

DiModell Hamburg - Foto: BeL e Interpretationen der Siedler fügen den Gebäuden Tiefe hinzu, unterschiedliche Typen finden an verschiedenen Orten ihren Einsatz. Ihre Form soll die Bildung von sozialen Gruppen fördern, deren Fähigkeit, Räume zu besetzen und zu nutzen, von der spezifischen Form der Typen aktiviert wird. Die gemeinschaftlichen Räume sind spezifisch in ihrer Form, aber offen in ihrer Nutzung.

Die Selbstbaustadt verbindet Gemeinschaften und stärkt die Gesellschaft. Es ist ein soziales Werkzeug der Aneignung, das Identifikation über Erfolge fördert. Die aktive Teilnahme am Bauprozess ist herausfordernd und fördert eine lebendige Empfindung von Verantwortung. Sie ist also nicht nur der Prototyp des kostensparenden Bauens, sondern eine Basis für Integration und Teilhabe.

Autor/en

Foto: Jörg Leeser

Jörg Leeser BeL Architektur Prof. Dipl.-Ing. Jörg Leeser (*1967 in Essen) Auf das Diplom der Architektur an der RWTH Aachen 1997 folgte eine zweijährige Tätigkeit bei Leeser Architecture sowie eine Assistenzstelle am Rensselaer Polytechnical Institute in Troy, New York. 1999-2000 war er Projektpartner bei b&k+, seit 2000 unterhält er zusammen mit Anne-Julchen Bernhardt das Architekturbüro BeL . Sozietät für Architektur. Das Büro erhielt unter anderem den Förderpreis des Landes NRW für junge Künstlerinnen und Künstler sowie den Kunstpreis der Akademie der Künste in Berlin.Von 1999 bis 2006 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrgebiet Konstruktives Entwerfen der RWTH Aachen. Darauf folgten Vertretungsprofessuren an der Bergischen Universität Wuppertal und der PBSA Düsseldorf. Seit 2015 ist er Professor für Entwerfen im städtebaulichen Kontext und Stadtbautheorie an der PBSA Düsseldorf.