Foto: Thomas Puschmann, Fruehbeetgrafik Leipzig

Foto: Thomas Puschmann, Fruehbeetgrafik Leipzig

Von Geldverbesserern und Kröten-Wanderungen. Initiativen und ihre Finanzierungsmodelle

Welche Finanzierungsstrategien haben erfolgreiche Nachbarschaftsinitiativen auf dem Weg zu ihrer Immobilie verfolgt? Uns sind einige nachahmenswerte Projekte aufgefallen.

Eine goldene Küche als Vermögensanlage

Es braucht Phantasie um zu verstehen, wieso die Investition in eine neue Küche in Höhe von ca. 1. Mio. Euro dazu führt, langfristig Einnahmen zu sichern. Doch für Tobias Bäcker, Initiator und Vorstand der Bürgerstiftung Rohrmeisterei in Schwerte war das nach 10 Jahren Betrieb des Kulturzentrums der einzig logische Schritt, um langfristig ausreichend Überschüsse aus der Gastronomie für den gemeinnützigen Kulturbetrieb zu sichern. Die neue Küche ist der Grundstock. Mit ihr werden nicht nur Wareneinsatz und Energiekosten gesenkt und das Personal effizienter eingesetzt, mit ihr können kulinarische Großevents den Umsatz im sechsstelligen Bereich steigern. Die „Goldküche“, auch optisch durch die goldfarbene Fassade ein Hingucker, ist zum beliebten Ort von regelmäßigen Küchenpartys mit Life-Musik geworden. So hat sich die Investition auf jeden Fall gelohnt, denn die Einnahmen aus dem Geschäftsbetrieb reichten vorher nicht aus, um neben den laufenden Kosten der gemeinnützigen Arbeit auch Ersatz- und Zukunftsinvestitionen zu finanzieren. Die Lösung: Re-Investition des Stiftungskapitals ins eigene Anlagevermögen, in diesem Fall in eine leistungsfähige Küche als Teil des Stiftungsvermögens.  Gleichzeitig konnten mit dem Küchenbau Sponsoren aus der lokalen Wirtschaft und weitere Zustifter gewonnen werden, so dass die Verantwortung für die Rohrmeisterei nun auf noch mehr Schulter ruht.

Bürger kaufen ihr Stück Stadt

In Wuppertal wollen die Aktiven der Initiative Utopiastadt rund um den ehemaligen Bahnhof Mirke sich nicht nur eine Küche, sondern gleich ein Stück Stadt kaufen. „1 qm Utopiastadt für 100 €. Baue eine Stadt. Baue Utopiastadt.“ wirbt der Spendenaufruf. Mit dem Ankauf von 500 qm Fläche zum direkten Gemeinwohlnutzen durch Garten, Trassenschwebebahn, Freiflächen, Gemeinschaftswerkstatt an der Nordbahntrasse des Mirker Bahnhofs soll die Entwicklung eines Utopiastadt Campus gesichert werden. „Weil das Projekt Utopiastadt Vertrauen genießt, konnten – auch wenn die Verwendung der Mittel noch nicht glasklar ist – bereits 20.000 € gesammelt werden“ freut sich einer der Utopiastadt Macher Christian Hampe. Und nicht nur das: „auch Zusagen von weiteren Unternehmern und Privatpersonen von 10.000 € sind schon da.“ Diesen Erfolg führt er zum einen darauf zurück, dass Utopiastadt inzwischen ein Projektpartner mit Reputation vor Ort ist und zum anderen, weil Utopiastadt auf der Crowdfunding Plattform gut-fuer-wuppertal.de sehr gut wahrgenommen wird.

Die Aktiengesellschaft für Kultur

Auch Aktien können eine breitere Basis für die Finanzierung legen. Das zeigt das Theater- und Kinoprojekt Schaubühne Lindenfels in Leipzig. Als gemeinnützige Aktiengesellschaft waren sie bis vor kurzem der einzige Kulturbetrieb Deutschlands in dieser Rechtsform. Für 24 € bekommt man eine Aktie, die als Editionsdruck bekannter Leipziger Künstler wie Moecker, Landau, Ruckhäberle, Müller und Tischbein aufgelegt wird und hat Mitbestimmungsrecht auf der Aktionärsversammlung. „Die Dividenden heißen: Kultur, Unabhängigkeit und Gemeinsinn“ erklärt Vorstand René Reinhardt. Das Konzept geht auf: bis Ende August 2015 waren es 1.300 Aktionäre mit 4.700 Anteilen – was ca. 112.800 € entspricht. Von den vier Gründungsaktionären „halten“ drei die Kunstaktien, d.h. sie verkaufen die jeweiligen Editionen. Die Aktien sind juristisch als „vinkulierte Namensaktien“ ausgegeben, d.h. der Vorstand muss zustimmen und alle Aktionäre sind im Aktienregister eingetragen. Eine ungewöhnliche Art, breite finanzielle Unterstützung zu garantieren. Die Schaubühne kommt zwar nicht ohne kommunale Basisfinanzierung aus, aber durch die Aktienverkäufe können 45 % der Gesamtkosten inzwischen selbst gedeckt werden: Das ca. 1000 qm große Haus mit Ballsaal, Kino und Gastronomie gehört der gemeinnützigen Schaubühne Lindenfels AG, somit allen Aktionären. Die Kredite zum Hauskauf können abgezahlt und auch der Eigenanteil zur Umbauförderung „Stadtumbau Ost“ geleistet werden.

Ein Syndikat gegen Spekulation

Ganz anders funktioniert die selbstorganisierte Finanzierung bei den Projekten des Freiburger Mietshäuser Syndikat: Die inzwischen 107 Projekte bundesweit ermöglichen selbstbestimmtes Wohnen und schaffen an vielen Standorten Kulturangebote und Treffpunkte für die Nachbarschaft.

Eine Besonderheit des Syndikat ist, das ein Unternehmensverbund von GmbHs und Vereinen verhindert, dass die Immobilien und Grundstücke des Syndikats weiter verkauft werden. Das funktioniert so: Das Haus wird von einem eigenständigen Verein genutzt und verwaltet, dieser ist Teil einer Hausbesitz GmbH, die als Gesellschafter den lokalen Verein und das Syndikat Freiburg hat. Letztere kann mit einer Sperrminorität den Verkauf des Objektes verhindern damit die Häuser auf Dauer im Verbund bleiben und Spekulation verhindert wird.

Und da die Menschen, die sich im Hausprojekt organisieren, zum Teil wenig Geld haben, nutzt das Syndikat Direktkredite für den Eigenkapitalanteil, um überhaupt für Banken kreditfähig zu sein. Geleitet von dem Wahlspruch „… lieber 1000 FreundInnen im Rücken als eine Bank im Nacken …” werden Freunde oder Familienmitglieder gewonnen, ihre Ersparnisse als Direktkredite bei der Hausbesitz-GmbH anzulegen. Dafür wird zwischen den Kreditgebern und dem Hausprojekt ein Kreditvertrag abgeschlossen, in dem Zinsen, Kündigungsfrist, Laufzeit und der Rangrücktritt klar geregelt sind. Direktkredite sind Nachrangdarlehen mit einer qualifizierten Rangrücktrittsklausel, das heißt, zunächst werden die Banken bei Insolvenz bedient und das Projekt muss nicht zurückzahlen, wenn dadurch die Liquidität gefährdet ist. Der Direktkreditgeber trägt also ein höheres Risiko, jedoch winkt ein solidarischer und ideeller Gewinn.

Und das Syndikat hat einen eigenen Solidarfonds. In diesen wird vor allem von den Projekten eingezahlt, die abgeschrieben sind. Er finanziert zum einen die Hälfte des Stammkapitals für die Hausbesitz GmbH und zum anderen soll der „Soli“ auch neuen Projekten die Möglichkeit geben, ebenfalls zu angemessen niedrigen Mieten zu wohnen. Wie gefragt und effektiv das Syndikat System ist, lässt sich daran sehen, dass es auf jeder großen Mitgliederversammlung weiter wächst, so dass sicher bald die 120er-Marke erreicht sein wird.

Das Foto zeigt die Schaubühne Lindenfels mit ihren Akteuren: cc Thomas Puschmann, FRUEHBEETGRAFIK Leipzig

Autor/en

avatar

Antje Eickhoff Team Neue Nachbarschaft der Montag Stiftung Urbane Räume: Antje Eickhoff (Dipl.-Ing. Raumplanung) ist zuständig für die Themen der Neuen Nachbarschaft, Initialkapital und Quartiersentwicklung. Sie bringt Erfahrungen aus dem Quartiersmanagement und aus der Stadterneuerung in Köln, Bonn, Düsseldorf und Bergheim mit und ist als Fachkraft für barrierefreies Bauen ausgebildet.