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Wer Visionen hat, der braucht keinen Arzt – vierte NeNa-Werkstatt in Frankfurt a.M.

am 12. November 2015 | in Blog-Slider, Immovielien, Werkstätten | von | mit Keine Kommentare

Ambitionierte Nachbarschafts-Initiativen bemühen sich um gemeinschaftlich bespielte Immobilien:  Für ein Stadtteilcafe, eine offene Repair-Werkstatt, für Räume in ehemaligen Industriehallen für Kunst und Kultur, für ein experimentelles Neubau-Wohnprojekt oder ein kollektives Hostel. Dafür benötigen sie Starthilfe, Feedback und eine gute Vernetzung. Die jüngste Werkstatt der Montag Stiftung Urbane Räume – diesmal in Zusammenarbeit mit dem Programm open Transfer der Stiftung Bürgermut – bringt jetzt in Frankfurt a.M. schon zum vierten Mal Macher aus ganz Deutschland auf diesem mitunter mühevollen Weg ein ganzes Stück weiter.

„Sensationelle Tipps“ habe sie bekommen, sagt etwa Judith Levold, Mitstreiterin der Initiative „Kölner Neuland e.V.“, die sich wahrlich nicht wenig vorgenommen hat. Auf einem Neubauareal in attraktivster Stadtlage will sie ein experimentelles, ökologisches und inklusives Bauprojekt stemmen; mit bezahlbarem Wohnraum auch für Geflüchtete, offenen Werkstätten, Kita und Gastronomie. Erste Projekt-Erfahrungen mit einem urbanen Gartenprojekt gibt es bereits. Das neue Vorhaben aber ist einige Nummern größer. Und so ist die Kölnerin mit dutzenden offenen Fragen zu Konzept, Finanzierung und Fördermöglichkeiten angereist. Und auch der berechtigten Sorge: Macht das in Zeiten von Gentrifizierung und hochspekulativen Immobilienmärkten überhaupt Sinn? Wohl wissend zudem, dass das Vorhaben, wie viele andere bei dieser Werkstatt auch, noch in den Kinderschuhen steckt. Ihr Fazit aber lässt hoffen: „Jetzt weiß ich, wie wir Schritt für Schritt weiter vorgehen müssen. Auf vieles wäre ich von alleine überhaupt nicht gekommen. Die Ratgeber haben mir eine konkrete Roadmap an die Hand gegeben. “

Von gemeinsamen Genen, in Gemeinschaft etwas zu organisieren

Zwei Tage lang stehen diese und zwölf weitere Immovielien-Ideen für neue, lebendige Orte der Nachbarschaft auf dem Prüfstand. Manche in benachteiligten Quartieren wie Duisburg-Hochfeld oder der südlichen Innenstadt von Hanau, andere auch in bürgerlichen Vierteln wie Aachen-Burtscheid oder Frankfurt-Bockenheim. „Sie alle hier haben gemeinsame Gene. In Gemeinschaft etwas zu organisieren, vereint sie. Und Sie haben Lust, ins Risiko zu gehen. Da haben Sie auch ein „unternehmerisches Gen“. So begrüßt Frauke Burgdorff, Vorständin der Montag Stiftung Urbane Räume die Vertreter der 13 angereisten Projekte im Alter von 21 bis über 70 Jahren aus Dresden, Lübeck, Darmstadt, Hamburg, Hanau, Halle, Aachen, Köln, Witzenhausen und Frankfurt in den Räumen des Gründerzentrums Social Impact Lab. Und sie macht Mut: „Unser Ziel ist es, dass Sie es leicher haben sollen.“

Ein Versprechen, das nicht nur die erfahrenen und erfolgreichen Projektmacher Henning Austmann von der Ideenwerkstatt Dorfzukunft Flegessen, Kristiana Sassenscheidt vom Gänge-Viertel Hamburg und Tobias Bäcker von der Rohrmeisterei Schwerte als Berater einlösen. Auch  „Immovielien“-Profis wie Kerstin Asher und Joachim Boll vom startklar.projekt.kommunikation in Dortmund  sowie Johann Schorr vom Impact Hub in München beraten in Sachen Fördergelder und Finanzierung und bringen so manches Projekt, das sich durch zu viele Ideen zu verzetteln droht, wieder genauer in die Spur. Wertvolle Tipps geben auch Thomas Hebler von der Kölnern Agentur Hauptweg/Nebenwege in Fragen der richtigen Kommunikationsstrategie und der Essener Steuerberater Wilhelm Abmeyer für die Themen Rechtsformen und Gemeinnützigkeit. Alleine die geforderte Fokussierung auf die derzeit „drängendste Frage“ sorgt bei manchem Projektmacher zwar erst für Verwirrung, dann für Überraschung, am Ende aber für mehr Klarheit.

Nachbarschafts-Initiativen im Inkubator

Getagt wird übrigens in einem Brutkasten. Als „Inkubator“ versteht sich nämlich das Gründerzentrum Social Impact Lab im Stadtteil Bockenheim. Ein passender Ort, schließlich sind neue Nachbarschafts-Initiativen nichts anderes als im besten Sinne soziale Start-ups. Ob in der Küche, mitten im Flur oder in den Konferenzräumen; überall wird an diesen zwei Tagen lebhaft und konzentriert diskutiert und beraten.

Beispielhaft seien noch zwei weitere von 13 tollen und allesamt ambitionierten Projekten genannt. Alexa Böckel, 21 Jahre alt, BWL-Studentin aus Lüneburg, ist Mitstreiterin eines ebenso ungewöhnlichen, wie in Lüneburg weithin bekannten Vereins, namens „Zum Kollektiv“. Vor allem Studenten sind hier ehrenamtlich aktiv. „ZuKo“ nutzt ganz legal und genehmigt leerstehende Räume und Häuser für Konzerte, Ausstellungen, Lesungen oder Partys. Immer solange, bis es andere Pläne für diese Immobilien gibt. Dann zieht „ZuKo“ einfach um. Zwischennutzung ist also Teil des Konzeptes. Aber der Verein muss mit großer Mitglieder-Fluktuation arbeiten und steht immer wieder vor der Erneuerung. Wer fertig ist mit dem Studium, zieht oft weiter. Wie nun damit umgehen, lautet die wichtigste Frage an die Werkstatt. Das Ergebnis: „Wir müssen ein Programm mit Mentoren aufstellen, um Wissen weiter zu geben an viele. Was wir bauchen, sind  Talent-Teams, damit wir den Weggang einzelner auffangen können.“ So bringt Studentin  Alexa den gelungenen Schärfungprozeß mit den Beratern am Ende auf den Punkt. Und ist zuversichtlich, dass das gelingt.

Oder: Paul Wieczorek von „Südlichter e.V.“ in Hanau, die ein Begegnungszentrum in einem als schwierig geltenden Stadtviertel aufbauen möchten. Wichtige Fragen für ihn sind vor allem die richtige Rechtsform und die sich daraus ergebenden steuerlichen Konsequenzen. Eine Grillhütte etwa haben die Vereinsmitglieder schon in Eigenleistung gebaut und mit viel Zuspruch im Sommer in Betrieb genommen. Erste Erfahrungen sind also da. Sanierungsbedürftige, aber geeignete Räume sind auch schon gefunden und viel Handwerker-Geschick und Motivation innerhalb der Initiative vorhanden. Nun soll also ein Cafe oder Stadtteilwohnzimmer für die Nachbarschaft folgen. Wie das Ganze aber dauerhaft vor allem finanziell wuppen? „So viel positiven Input“ habe er da bekommen, sagt Paul Wieczorek, vor allem auch der Austausch mit andern Initiativen sei „einfach super“. Er kehre voller Anregungen nach Hause und könne es gar nicht erwarten, davon in der Initiative zu berichten.

„Wer Visionen hat, der braucht keinen Arzt“. Schmunzeln allerseits, viele Köpfe nicken, als es am Ende in großer Runde einer so formuliert – in gelungener Abwandlung eines bekannten Helmut-Schmidt-Zitates („Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen“). Lebendige Nachbarschaft, sie hält fit und gesund. Und dass der Spaß an der gemeinsamen Sache viele antreibt, war in Frankfurt nicht zu überhören.

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.

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