Foto: Kristina Sassenscheidt Gängeviertel

Foto: Kristina Sassenscheidt Gängeviertel

Mit Shirt, Charme und Trompeten – Initiativen und ihre Kampagnen

In Lübeck ziehen „Tontalente“ mit Pauken und Trompeten durch den Stadtteil. In Krefeld machen Plakate an Bushaltestellen mit dem Schriftzug „Ich gebe dir…“ neugierig. In Hamburg zieren Aufkleber mit der Aufforderung „Komm in die Gänge“ marode Fassaden. Die „Freiraumgalerie“ in Halle nutzt gleich ganze Hauswände als Leinwand. Und im Dörfchen Flegessen spazieren die Bewohner mit einem T-Shirt durch den Ort. „Dorfladen – Ich bin dabei“ steht drauf.

Schlagzeilen und Slogans produzieren, sichtbar werden, sich Gehör verschaffen, die eigene Sache zum Top-Thema machen – um ihre Ziele zu erreichen, müssen Nachbarschafts-Initiativen aktiv werden. Oft nach außen, manchmal auch nur innerhalb ihrer Gruppe. Die Liste origineller Kampagnen quer durch die Republik ist lang. So verschieden ihre Anliegen sind, allen genannten Aktionen ist gemeinsam: Sie machen Eigenwerbung für ihre gute Sache. Für einen multikulturellen Stadtteil-Treff, eine Repair-Werkstatt, ein Kulturzentrum, einen Gemeinschaftsgarten, einen Dorfladen oder ein Mehrgenerationenhaus. Und die Projektmacher wissen: Wünsche und Sehnsüchte erfüllen sich nicht märchenhaft durchs Frösche küssen und in aller Regel auch nicht durch Geduld.

Gänge-Viertel Hamburg:  Mit Charme-Offensive gestartet

„Ich habe bislang noch kein Projekt kennengelernt, das seine Werbetrommel zu laut geschlagen hat“, sagt Kristina Sassenscheidt. Sie ist Mitstreiterin der Initiative „Komm in die Gänge“ in Hamburg, die vielen Projektmachern als Paradebeispiel für äußerst effektive Eigenwerbung gilt. 2009 besetzen engagierte Hamburger – viele von ihnen kunst- und medienaffin – zwölf, leerstehende historische Gebäude im sogenannten „Gängeviertel“ in attraktiver Innenstadtlage. Sie wollen die Häuser vor dem Verfall und vor Investoren mit rein kommerziellen Interessen retten. Und sie haben die Vision, dort ein offenes, erschwingliches Quartier für Viele schaffen – für Wohnen und Arbeiten, aber auch für Kunst und Kultur.

Nach vielem Hin und Her gelingt dieses Kunststück tatsächlich, „aber ohne die absolute Charme-Offensive bei unserer Einstiegskampagne wäre die Besetzung schon am ersten Wochenende geräumt worden“, ist sich Sassenscheidt heute sicher und zählt auf, was sie damit meint: Der positive und clevere Slogan, das plakative Logo, die website mit selbst produzierten Videos und Musikclips, die professionelle, frühzeitige Pressearbeit und – nicht zuletzt – auch der Promifaktor. Ein bekannter Künstler mit eigener Hausbesetzervergangenheit war „Schirmherr“ der Besetzung. Später gab es noch eine Fotokampagne für die 2010 gegründete Genossenschaft mit prominenten Unterstützern aus der Hamburger Kulturszene wie der Band „Fettes Brot“. Heute ist die erste Immovielie saniert,  zwei weitere werden dieses Jahr fertig.

Tontalente Lübeck: Mit Pauken und Trompeten durchs Viertel 

Öffentlichkeitswirksame Eigenwerbung geht aber auch einige Nummern kleiner und wirkt trotzdem. Beispiel: Die „Tontalente e.V.“ aus Lübeck-Eichholz. Benachteiligte Kinder und Jugendliche aus aller Welt bekommen hier seit einigen Jahren kostenlosen Musikunterricht von Profis. Als die Förderung durch eine Stiftung auslief und es an neuen Sponsoren fehlte, gab es dringenden Handlungsbedarf. „In Ländern wie der Türkei ziehen bei Festen traditionell immer Musiker durch die Straßen“, erzählt Ann-Kristin Kröger von den „Tontalenten“, „und ein türkisches Vereinsmitglied hatte da die Idee, das einfach auch hier in Eichholz zu tun.“ Eine gute Idee: Insgesamt drei Samba-Touren mit Pauken und Trompeten absolvierte das international besetzte Kinder – und Jugendorchester inzwischen im Stadtteil. Die jungen Musiker verteilten dabei auch jede Menge Flyer und sprachen Nachbarn persönlich an. Heute freut sich der Verein über neue Sponsoren, die immerhin eine feste Unterstützung von insgesamt 9000 Euro im Jahr versprechen.

Ideenwerkstatt Dorfzukunft: Die leise „Mitmachkultur des Bottom-up“

Auf eine viel leisere Art, Reklame fürs eigene Anliegen zu machen, setzt dagegen die „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ in Flegessen in Niedersachen. „Bei uns waren viele Aktionen eher nach innen gerichtet“, betont Mitstreiter Henning Austmann. Man habe vor allem auf eine „Mitmachkultur des Bottom-up“ gesetzt und alle Ideen bewusst nur mit denen geteilt, die „als unmittelbar Betroffene ein Interesse an dem Projekt hatten“. Ein selbst produzierter Film, eine eigene Zeitung, das Dorf-T-Shirt; all das wurde nur innerhalb der Dorfbewohnerschaft verbreitet. Kein lauter Trommelwirbel also und gerade deshalb, davon sind die Projektmacher überzeugt, wurden hier wichtige Ziele erreicht. Das Jüngste ist der neue Bio-Supermarkt, der in Eigenregie für die Dörfer Flegessen, Klein-Süntel und Hasperde betrieben wird. Austmanns Tipp daher für andere Initiativen: „Nicht blind auf jeden Hype springen. Tonalität, Art und Weise der Ansprache und Medium sollten immer zur Zielgruppe passen.“

Fazit: Ein Patenrezept für erfolgreiche Eigenwerbung gibt es nicht. Jede Initiative braucht die eigene passende Verpackung. Wer aber ins Machen kommen will, der wird auf kluge Kampagnen, clevere Slogans oder geschickte Strategien kaum verzichten können; sei es nun nach innen oder nach außen.

Autor/en

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.