Foto: Rolf Martin Wohnbund-Beratung NRW

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Punks mit Fußbodenheizung. Oder: Von Radikalen und Normalen

Der 13. Wohnprojektetag NRW im Wissenschaftspark Gelsenkirchen war eine inhaltliche und atmosphärische Wucht. Bereichernd, offen, neugierig und sehr lehrreich. Er war so bunt, dass es kaum möglich ist, einen roten Faden zu spinnen. Aber so viel war am Ende klar: Die Wohnprojekte sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und doch noch offen für scheinbar randständige  und radikale Positionen. Vor allem aber sind sie so professionell in Fragen der sozialen Organisation von Prozessen und des komplexen Investments, dass viele – auch und vor allem Kommunen, sicher auch Nachbarschaftsprojekte – von ihnen lernen können.

Leben im Bauwagen, Kalkbreite, Kluishuizen, W113eG

Da war zum Beispiel das Bauwagenprojekt in Leipzig, von dem eindrücklich berichtet wurde, dass die Entscheidung, mit wenig Besitz zu leben, Freiheiten schafft. Oder die Kalkbreite in Zürich, deren vielfältig talentierte Mitmacher ausreichend Schwarm-Intelligenz geschaffen haben, um eine risikoreiche Investition von vielen Millionen Euro zu einem  finanziell und kulturell erfolgreichen Ergebnis zu führen. Und natürlich war da auch die W113eG in Bochum, die scheinbar keinen gesellschaftspolitischen Überbau hat und doch am Ende erzählen konnte, dass sie die Vermieterin zur Mieterin gemacht hat und dass eine Miete von 4 Euro nicht bedeutet, in einer Bretterbude zu wohnen. Denn Bretterbuden können – so wurde vom Programm Klushuizen berichtet – durchaus die Basis für soziale und baukulturelle Investitionen sein.

Villa Anderes, Mietkonvent Altötting, Wohnen in der Seestadt Aspern, Ein Haus für Alle, Schloss Tempelhof

Insgesamt neun Projekte wurden in intensiven Gesprächen von links und rechts beleuchtet, vor allem aber auch mit viel Offenheit und Selbstironie beschrieben. Und so war es kein Wunder, dass das Syndikatsprojekt aus Altötting seinen Stolz über die von Punks und Anarchos eingebaute Fußbodenheizung ausdrücken konnte, weil das eigentliche Ziel eines selbst bestimmten, offen und divers gestalteten Lebens schon fast normal geworden ist. Darauf konnten nicht nur die Altöttinger, sondern auch die Gäste aus Aspern und Solingen ganz besonders stolz sein. Dass Buntheit nicht immer der Schlüssel zum Wohn-Glück ist, wurde auch berichtet. Denn für so manche Biographie oder Lebensweise können Offenheit und bunte Vielfalt auch eine Überforderung sein. Denn am Ende sind die Häuser für Menschen da, die – wie in Schloss Tempelhof – in offenen und gut gestalteten Prozessen zu kraftvollen Gemeinschaften zusammen finden. Jenseits dieser Erfolgsgeschichten konnte natürlich jedes Projekt auch über unsinnige Haken und Ösen in ihrer Projektentwicklung berichten. Dazu demnächst mehr hier an diesem Ort!

Vorher gibt es aber viele Gründe, einmal die gute Mischung aus Empathie und Intelligenz zu feiern, die diese und viele andere Wohnprojekte in die Stadtteil- und Projektentwicklung einbringen können und den Veranstalterinnen, der Wohnbund Beratung NRW und der Stiftung Trias zu danken. Denn gute Neue Nachbarn sind sie mit ihrem ungewöhnlichen Engagement für ihre Umgebung meistens auch noch!

 


Links zu den Projekten

Ein Haus für alle, Soest: www.ehfa-soest.de
Leben in der Seestadt Aspern: www.lisa.co.at, www.aspern-seestadt.at, www.aspern-baugruppen.at;
Kalkbreite: www.kalkbreite.net
Klushuizen: www.stadtbaukultur-nrw.de/neues/10-jahre-klushuizen-in-rotterdam/
Wagenplatz: www.oya-online.de/article/read/1505wagenleben_wagen.html
Schloss Tempelhof: www.schloss-tempelhof.de
Mieterkonvent Altötting: http://amk-ev.org/
Gleichgeschlechtliche Wohnformen: www.immerdabei.net, www.villa-anders-koeln.de
W113eG. Informationen bei der Wohnbund Beratung NRW: http://www.wbb-nrw.de/

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Frauke Burgdorff Team Neue Nachbarschaft der Montag Stiftung Urbane Räume. Frauke Burgdorff (* 1970) ist seit 2006 Vorstand der Montag Stiftung Urbane Räume, die sich vor allem in Themen der Quartiersentwicklung und des Bildungsbaus engagiert. Sie hat Raumplanung in Kaiserslautern und Dortmund studiert, anschließend in Antwerpen, Gelsenkirchen und Aachen als Stadtplanerin, Stadtforscherin und Geschäftsführerin der Initiative StadtBauKultur NRW gearbeitet. Sie hat zahlreiche Schriften zu Themen der Quartiers- und Stadtentwicklung verfasst und Bücher herausgegeben.


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