Foto: Frauke Burgdorff

Foto: Frauke Burgdorff

Lernstoff für Generationen – ein Stadtteilzentrum von Bürgern getragen

Am 23. August 2015, wurde nach acht Jahren Planung und Entwicklung das Stadtteilzentrum in Gelsenkirchen-Hassel eröffnet: ein buntes soziales Meisterwerk ist entstanden. Rückgrat dieser Langstreckenleistung war und ist eine sehr basisorientierte Gemeinwesenarbeit der örtlichen Kirchengemeinde, die schon vor 50 Jahren erkannt hat, dass sie sich öffnen und verändern muss, um lebendig zu bleiben.

„Nicht „Kirche für andere“, nicht Menschen, die für andere reden, war das Anliegen, sondern mit anderen gemeinsam die Probleme des Alltags bewältigen: Die Menschen des Stadtteils wollten die Fragen nach ihrer Lebensqualität nicht nur den Politikern, Gewerkschaftlern oder Managern großer Unternehmen überlassen, sondern sie versuchten, selbst aktiv zu werden und zur Gestaltung ihres Stadtteils beizutragen.“ (Projektbeschreibung 2012)

Diese Haltung findet sich vor allem in einem der ersten offenen Jugendzentren der Republik – dem Dietrich-Bonnhoeffer-Haus (Bonni) – wieder. Sie war und ist das Fundament dafür, die verschiedenen Aktivitäten im Herzen der Siedlung Eppmannsweg an einem Standort gemeinschaftlich zu bündeln.

In den sieben Jahren bis zum Bau musste geklärt werden, wie die unterschiedlichen Einrichtungen gut zusammen wirken können, wer Eigentümer und wer Betreiber der Immobilie werden könnte, welche Rechtsformen die Investition, welche das Management und das Engagement bündeln (Bürgerstiftung Leben in Hassel). Nach einer Gesamtinvestition von ca. 4 Mio. €, die zu großen Teilen aus dem Programm Initiative Ergreifen des Landes NRW finanziert und durch Eigenanteile, die auch Muskelhypothek waren, ergänzt wurde, stehen nun die Räume, die in Zukunft mit professionellem und ehrenamtlichen Leben gefüllt werden.

Nur einige Schlaglichter zeigen, wie kooperativ Prozess und Ergebnis waren: Der wichtigste Auftraggeber der Fahrradwerkstatt ist der naheliegende Betriebsteil von der Raffinerie BP, die dort ihre Werksfahrräder in Schuss halten lässt; Küche und Gastronomie sind als sozialer Integrationsbetrieb organisiert, der u.a. die umliegenden sozialen und Bildungseinrichtungen versorgt, in den Aufsichtsgremien der Bürgerstiftung sitzen vom ehemaligen Präsidenten des Fußballvereins Schalke 04 über den Bürgermeister, Vertreter aus Unternehmen, der Nachbarschaft und der Kirche alle relevanten Gruppen, die das Leben im Stadtteil prägen; die meisten Einrichtungen sind auch von ehrenamtlichen Engagement getragen und nicht zuletzt: Stadt, Land und Initiative haben hier sehr eng im Rahmen eines Qualifizierungsverfahrens zum Landesprogramm „Initiative ergreifen“ zusammengearbeitet.

Das sehr gut besuchte, trubelige und fröhliche Eröffnungsfest hat gezeigt, dass das gemeinsame Bauen von Häusern und Kooperationen zwar langwierig, aber offensichtlich nicht ermüdend war. Viele ambitionierte Immovielienprojekte können von diesem Projekt lernen – vor allem, wie man über so einen langen Zeitraum, ausreichend Energie behält, aber natürlich auch, welche Verträge und Konstruktionen das Gerüst für ein solches Projekt sind. Dazu werden wir sicher an dieser Stelle in Zukunft noch mehr berichten.


Weitere Informationen finden Sie hier:

http://www.lebeninhassel.de/
http://www.stadterneuerung-gelsenkirchen.de/Projektgebiete/HasselWesterholtBertlich/Projekte/Stadtteilzentrum_Hassel.asp

http://www.initiative-ergreifen.de

 

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Frauke Burgdorff war Vorstand der Montag Stiftung Urbane Räume bis Ende 2016. Frauke Burgdorff (* 1970) baute die Stiftung Urbane Räume auf, die sich zunächst in Themen der Quartiersentwicklung und des Bildungsbaus engagiert. Sie hat Raumplanung in Kaiserslautern und Dortmund studiert, anschließend in Antwerpen, Gelsenkirchen und Aachen als Stadtplanerin, Stadtforscherin und Geschäftsführerin der Initiative StadtBauKultur NRW gearbeitet. Sie hat zahlreiche Schriften zu Themen der Quartiers- und Stadtentwicklung verfasst und Bücher herausgegeben. Seit 2017 selbstständig tätig als Burgdorff Stadt.