Foto: HauptwegNebenwege/JS

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Viel gelernt und gut beraten – Nachbarschaftsprojekte finden gute Lösungen für ihre Entwicklung

Fürs Gruppenfoto am Ende formierte man sich gut gelaunt gleich neben dem „Revolutionsklavier“ von Joseph Beuys. Knapp 30 engagierte Mitstreiter und Mitstreiterinnen von 15 Nachbarschafts-Initiativen trafen sich jetzt auf Einladung der Montag Stiftung Urbane Räume und der Volkshochschule Mönchengladbach im dortigen Museum Abteiberg. An diesem ebenso schönen wie reizvollen Ort arbeiteten sie zwei Tage lang mit viel Spaß, Konzentration und Kreativität an der Weiterentwicklung ihrer Projekte.

Gekommen waren sie aus Städten und Dörfern aus ganz Deutschland, um unterstützt von Ratgebern und womöglich inspiriert von der Kunst ihre mutigen Ideen und Projekte für eine lebendige, soziale und chancengerechte Nachbarschaft entweder auf den Weg zu bringen oder weiter zu entwickeln. „Viele lehnen sich zurück und sagen, der Staat soll es machen. Sie machen das anders und das ist wichtig“, begrüßte der Mönchengladbacher Kulturdezernent Dr. Gerhard Fischer die in eigener Sache angereisten Museumsgäste.

Fragen schärfen und sich austauschen

Mit der Vorstellungsrunde ging es los. Wie vielfältig die Anliegen der Initiativen sind, macht schon der Blick auf vier von insgesamt 15 Projekten deutlich: „Bürger-Bahnhof Wuppertal-Vohwinkel“ kämpft für die Wiederbelebung eines ausgedienten Bahnhofsgebäudes als Kulturzentrum. „Laurentiushof Dorsten-Lembeck“ wünscht sich die Umnutzung einer leerstehenden Dorfschule als gemeinschaftliches Wohn-, Arbeits- und Freizeitgeländes. Das „Mehmet-Turgut-Haus Rostock“ möchte nicht nur eine Gedenkstätte für das Rostocker Opfer der NSU schaffen, sondern auch einen vom Abriss bedrohten Plattenbau retten, um dort unter anderem einen Stadtteiltreff mit viel Freiraum für ökologische Projekte aufzubauen. Die „Viertelbude“ in Mönchengladbach sucht lediglich einen Raum für ein offenes Wohnzimmer im sogenannten Gründerzeitviertel, um von dort aus – und nicht mehr im privaten Wohnzimmer des Vereins-Vorstands – Veranstaltungen fürs Viertel zu organisieren.

Bei allen Initiativen ist die Übernahme oder Anmietung einer Immobilie oder eines Grundstücks das zentrale Anliegen. Da gilt es, viele – vor allem rechtliche und finanzielle – Fragen im Vorfeld genau zu klären und natürlich langfristig verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Nur dann kann aus einer Immobilie eine funktionierende „Immovielie“ werden. „Sie sind heute hier, um ihre Fragen zu schärfen und sich untereinander auszutauschen. Gute Nachbarschaft funktioniert über Kontakte und da wollen wir für Sie nützlich sein“, sagte Frauke Burgdorff, Vorständin der Stiftung zu Beginn der inzwischen schon dritten Werkstatt „Neue Nachbarschaft“.

Optionen prüfen: Zwischennutzung, Moratorium, Rechtskörperschaft bilden

Jede Initiative war nun gehalten, am ersten Tag in kleinen Arbeitsgruppen das Problem genauer zu formulieren, an dem es momentan knirscht und hakt. Klingt einfach, ist es oft aber nicht. „Häufig denken Initiativen, sie bräuchten Geld. Oft brauchen sie aber erstmal Mitstreiter“, sagte Frauke Burgdorff. Als Ergebnis konnten dann etwa diese Kernfragen präsentiert werden: „Wie genau finden wir starke Partner?“, „Welche Organisationsform ist für uns die Beste – Bürgerstiftung, Genossenschaft oder gGmbH?“, „Wie kann eine gute Kampagne aussehen?, „Lässt sich unser Projekt rein ehrenamtlich überhaupt noch stemmen?“, „Wie könnte ein Finanzierungs/Businessplan aussehen?“

In verschiedenen Sessions setzten sich die Projektmacher am nächsten Tag mit den Ratgebern zusammen und bekamen Antworten und Vorschläge von den Projekt-Macher/Innen Christina Weiß vom Lindauer Stadtteilverein Leipzig und Tobias Bäcker von der Bürgerstiftung Rohrmeisterei Schwerte, von Kerstin Asher und Joachim Boll vom NRW-Programm „Initiative ergreifen“, von Steuerberater Wolfgang Mohr, von den beiden Kölner Kommunikations-Experten Thomas und Sebastian Hebler und von Johann Sporr von Impact Hub München, der dort für Geschäftsentwicklung und Finanzierung zuständig ist. So verschieden die einzelnen Anliegen waren, so unterschiedlich fielen natürlich auch die Ratschläge aus. Einige Beispiele: Den Kontakt zur Kommune suchen und erstmal über eine Zwischenlösung nachdenken! Ein Kernteam etablieren, das langfristig Verantwortung übernimmt! Nicht zu zögerlich sein und einfach mal potentielle Vermieter ansprechen! Eine Rechtskörperschaft bilden, die kaufen will, sonst wird man nicht ernst genommen! Ein Moratorium aushandeln, damit man Zeit gewinnt, um ungestört ein Konzept und einen Businessplan zu entwickeln! Und: Unbedingt immer den Spaß an der Sache nicht aus den Augen verlieren!

„Wissentransfer geht nur durch die Diskussion und den Austausch. Das ist die große Stärke dieses Formates.“ So formulierte es am Ende einer der Werkstatt-Teilnehmer und nimmt das für sich selbst mit: „Wir brauchten mal jemanden, der uns richtig anschubst und das ist ganz klar gelungen.“

Autor/en

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.


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