Foto: HauptwegNebenwege

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„Wegwerfen? Denkste!“ Besuch im neuen Repair-Cafe der Ermekeil-Initiative in der Bonner Südstadt

„Nummer 18: Küchen-Maschine“ notiert Katja de Braganca vom Verein „Ermekeil-Initiative“ auf ihrer großen Tafel im Flur. Ihr gegenüber steht Elsa Stiehl, die achselzuckend ihr „Küchen-Schätzchen“ unterm Arm hält: „Geht nicht mehr, keine Ahnung warum“. Die resolute Seniorin ist mit dem defekten Elektrogerät, das sie schon in den Keller verbannt hatte, eine von – am Ende des Tages – 120 Besuchern des neuen „Repair-Cafes“ der Bonner Nachbarschafts-Initiative.

Die Adresse der temporären Selbsthilfe-Werkstatt mit improvisiertem Cafe als Wartebereich kann sich sehen lassen und ist bei den Bonnern bestens bekannt. Geschraubt, gelötet, geölt, genäht und Kaffee getrunken wird im Erdgeschoß des früheren Stabsgebäudes der Ermekeil-Kaserne mitten in der edlen Bonner Südstadt, in der nicht nur die Stuckdecken sondern auch die Mieten hoch sind. „Wegwerfen? Denkste!“ lautet hier heute in den ehemaligen Amtstuben das Motto. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen und duftet nach selbstgebackenem Kuchen. Frau Stiehl jedenfalls wird kurze Zeit später Grund zur Freude haben. Ihr Keller-Kind darf wieder hoch in die Küche ziehen.

Kasernen-Areal wurde im Frühjahr 2013 von der Bundeswehr geräumt

Der nachbarschaftliche und ehrenamtliche Reparatur-Hilfsdienst ist bereits das dritte Projekt, mit dem der 2005 gegründete Verein „Ermekeil-Initiative“ das insgesamt 25 000 Quadratmeter große, leerstehende Kasernen-Areal inzwischen bespielt. Im Frühjahr 2013 wurden die letzten Gebäude von der Bundeswehr endgültig geräumt. Bereits 2014 entstand auf dem Platz zwischen dem roten Backstein-Stabsgebäude und dem imposanten Hauptgebäude, in dem in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Verteidigungsminister namens Franz-Josef Strauß logierte, ein üppiger Gemüse- und Kräuter-Garten in Holzkisten. Regelmäßig genutzt wird außerdem die ehemalige Kantine am früheren Exerzierplatz. Einmal in der Woche treffen sich hier Menschen aus der Nachbarschaft, um zu kochen, zu essen und an der Vision einer gemeinsamen, rein pazifistischen Zukunft auf dem Gelände zu basteln.

Zwischennutzungsvertrag für Ermekeil-Initiative

Möglich ist das alles, weil der Verein einen sogenannten Zwischennutzungsvertrag mit dem jetzigen Eigentümer – der Bundesanstalt für Immobilien-Aufgaben (BImA) abschließen konnte. „Ein erster Erfolg, ganz klar“, freut sich Kristian Golla vom Verein „Ermekeil-Initiative“. Einige Flächen und Räume dürfen nun übergangsweise und kostenfrei genutzt werden. „Dass wir jetzt hier aktiv sind, ist gut auch für den jetzigen Eigentümer. Denn es passiert was auf dem Gelände, es gibt Aktivität der Bürger. Sonst würde doch alles stillstehen, weiter verfallen oder von Graffitis zugesprüht“, sagt Golla, der in seinem roten Arbeitsoverall schon ein wenig wie der Quartiers-Hausmeister wirkt.

Langfristig jedoch träumen die rund 100 Vereins-Mitglieder davon, dieses städtebauliche „Filetstück“ in einen „Ort der Vielfalt“ zu verwandeln. Genauer: In ein gemeinwohlorientiertes Stadt-Quartier mit preiswerten Wohnungen, Arbeitsplätzen, Kulturangeboten und einer starken, aktiven Nachbarschaft. „Die Südstadt braucht nicht mehr von dem, was sie schon hat. Hier sollen nicht nur Reiche wohnen können, die sich auf der Straße über die Farbe ihres neuen Cabrios austauschen. Wir wollen den Stadtteil wieder enthomogenisieren“, so Golla.

Genossenschaftsgründung in der Planung für langfristige Nutzung

Die Stadt Bonn jedenfalls hat bereits ihr „Erstzugriffsrecht“ auf das attraktive Grundstück geltend gemacht und wird ab Sommer 2015 auf dem Gelände eine mobile Container-Unterkunft für 80 Flüchtlinge errichten. Die bereits seit 2005 aktive Ermekeil-Initiative hofft nun, als „Partner auf Augenhöhe“ an den weiteren, langfristigen Planungen beteiligt zu werden. Zunächst schlossen sich einige Nachbarn dafür zu einer rechtlich ungebundenen Bürger-Initiative zusammen, gründeten dann 2012 den Verein „Ermekeil-Initiative“ (erst: „Förderverein zur zivilen Nutzung der Ermekeilkaserne e.V.) und erarbeiteten ein „integratives Nutzungskonzept“, das auch der Stadt vorliegt.

Um dies auch finanziell in die Tat umsetzen zu können, wird die Gründung einer Genossenschaft diskutiert. Möglichst viele, interessierte Bürger sollen sich mit kleineren und größeren Geldbeträgen beteiligen, damit Teile des Kasernengeländes erworben und umgebaut werden können. Noch sind das alles Pläne, Wünsche und Visionen. Die Vereinsaktiven aber stehen in den Startlöchern und nicht wenige wünschen sich behördlicherseits ein wenig mehr Tempo. Immerhin stehen einige der Gebäude – wie etwa das unter Denkmalschutz stehende Hauptgebäude von 1870 – bereits seit vielen Jahren leer und drohen weiter zu verfallen. Kristian Golla jedenfalls ist überzeugt: „Auf diesem Grundstück hier kann man nicht verlieren, das weiß auch die Stadt.“

Der Traum vom Leben in der Gemeinschaft

Gisela Neumann betreut in der Initiative das neue Repaircafe. Die 56jährige ist erst 2013 vom ländlichen Lindlar nach Bonn gezogen. „Die Kinder waren aus dem Haus, da wollten wir wieder in die Stadt.“ Es ist die Idee von einem „gemeinsamen Leben mit allen Generationen“, die Gisela Neumann nun antreibt und sie sagt: „Für ein Leben in der Gemeinschaft würden mein Mann und ich unsere schöne Altbauwohnung mit Stuckdecke und Garten gern abgeben.“ Man brauche doch alleine gar nicht viel private Wohnfläche. Wenn man Küche, Garten usw. gemeinsam nutze, sei das doch viel schöner. Ihre kleine Enkelin sage auch schon immer „die Oma muss wieder in die Kaserne, aber die weiß natürlich gar nicht, was das bedeutet“, erzählt Neumann lachend. Und natürlich freut sie sich über den regen Andrang im Repair-Cafe, das nun jeden dritten Samstag im Monat von 14-18 Uhr seine Pforten öffnet. Denn auch hier kann der Verein seine Pläne bekannter machen.

Schon nach zwei Stunden sind heute über 30 kaputte CD-Spieler, Radios, Staubsauger, Lampen, DVD-Player, Fahrräder, Hosen, Föne und Küchenmixer von ihren ratlosen Besitzern gebracht worden. In allen Räumen hocken jüngere und ältere Menschen konzentriert über aufgeschraubten Elektro-Geräten, löten Kontakte oder rollen kleine Spulen auf. Wer Pause machen möchte, geht ins Cafe-Zimmer gleich am Eingang und nimmt sich gegen eine Spende Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. „Es ist ein schönes Gefühl, gemeinsam wieder etwas in Ordnung zu bringen, befriedigend“, sagt Andre Funk, der mit dem defekten Kassettenrecorder und CD-Spieler seines kleinen Sohnes gekommen ist, „Mir gefällt aber auch die ganze Idee für die Nutzung des Kasernengeländes. Das ist ein Beispiel, wie sich die Bürger die Stadt zurückholen wollen, finde ich gut.“

Reparieren statt wegschmeisssen

„Das hat sich richtig rumgesprochen nach der ersten Veranstaltung im Januar“, freut sich Ursula Neumann. 15 freiwillige Reparierer haben sich diesmal gemeldet – von der pensionierten Schneidermeisterin über den Do-It-Yourself-Tüftler, den begeisterten Elektrotechniker bis zum Fahrrad-Spezialisten sind genügend Ehrenamtler dabei, die sich all der bedürften Keller-Kinder annehmen und sie gemeinsam mit den Besitzern wieder auf Vordermann bringen.

Den kaputten Reißverschluß einer Herren-Hose hat etwa Hobby-Schneiderin Dagmar Romero unter ihre Nadel bekommen. Mit einer gespendeten Näh-Maschine erledigt sie flott diesen kleinen Wunsch. „Mir macht das einfach Spaß und es ist doch schade, wenn die Sachen sonst vielleicht weggeschmissen werden.“ Im Cafe trifft man auch Seniorin Elsa Stiehl wieder. Mit sehr zufriedenem Gesicht zeigt sie ihre alte Bosch-Teig-Maschine. „Sie läuft wieder, nicht zu glauben. Irgendwas mit dem Stecker. Beim nächsten Repaircafe komme ich hier mit einem selbstgebackenen Kuchen vorbei, fest versprochen!“


Das nächste Repaircafé in der Ermekeilkaserne findet am 21. März von 14.00 – 18.00 Uhr statt.

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.