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Eine Immovielie auf der Zielgeraden – das „Süntellädchen“ in Flegessen eröffnet im Sommer

Diese Immovielie befindet sich auf der Zielgeraden. Zwar pfeift der Wind noch kräftig durch die Ritzen, nicht alle Strohballen sind schon fertig mit Lehm verputzt, aber der achteckige Rohbau steht, das Dach ist drauf und auch die Fenster sitzen schon alle im Rahmen. Daran, dass hier im niedersächsischen Dorf Flegessen im Sommer das „Süntellädchen“ mitten im Dorf feierlich eröffnet werden wird, zweifelt niemand mehr.

„Viele haben große Lust, selber im Laden oder für den Laden zu arbeiten. Für uns ist das Lebensqualität“, sagt Henning Austmann, einer von über 300 Mitstreitern der 2012 gegründeten Initiative „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ und neuerdings auch einer von zwei ehrenamtlichen Geschäftsführern der „Dorfzukunft Immobilien UG“.

Die Zukunftsfähigkeit des eigenen Quartiers

Es wird ein umweltfreundlicher, kleiner Bio-Regionalmarkt der besonderen Art werden. Denn die Bewohner der drei benachbarten, idyllischen Dörfer Flegessen, Hasperde und Klein-Süntel unweit von Hannover haben ihn nicht nur selbst finanziert, geplant und in Eigenregie gebaut, sie werden den Laden auch künftig betreiben; sprich auch selbst hinter der Ladentheke stehen – und das ehrenamtlich. Den Weg bis zum nächsten zehn Kilometer entfernten Supermarkt können sie sich dann jedenfalls sparen. Und dem erklärten Ziel ihres Nachbarschafts-Vereins kommen sie auch einen Riesenschritt näher. Denn es geht – in Zeiten von Landflucht und Dörfersterben – um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit des eigenen Quartiers.

Als einfach und entspannt würde Austmann den Weg bis hierher allerdings ganz sicher nicht bezeichnen. Unzählige Versammlungen hat es gegeben, nächtelange Debatten. Die engagierten, ideenreichen Dörfler fühlten sich mitunter von einer ganzen Welle rechtlicher Fragen überrollt. Nun aber sind – auch dank der Unterstützung der lokalen Behörden – alle wichtigen administrativen Notwendigkeiten geklärt und ein ganz eigenes Organisations-Konstrukt rund um den Laden aufgebaut. Denn ein Vorbild, an dem man sich hätte orientieren können, gibt es fürs dorfeigene „Süntellädchen“ nicht.

Das Organisations-Konstrukt für den Dorfladen

Bauherr, Besitzer und Vermieter von Grundstück und Gebäude ist die „Dorfzukunft Immobilien UG (haftungsbeschränkt)“, eine Mini-GmbH. Betreiber des Dorfladens wird der Verein „Süntellädchen e.V.“ sein, der das Gebäude für einen ortsüblichen Quadratmeterpreis von der UG mietet. „Wir wollten da eine klare Trennung haben. Das lässt uns eine große Freiheit und Flexibilität, mit der wir auf alle Herausforderungen und Chancen der Zukunft reagieren können“, erklärt Austmann.

Für die Kapitalausstattung der Dorfzukunft Immobilien UG (haftungsbeschränkt) haben über 270 Einwohner Beteiligungen gezeichnet. Diese wurden – vornehmlich zur einfacheren Verwaltung – in einer still an der UG beteiligten GbR gebündelt.

Dass ein Steuerberater die Initiative wohlwollend unterstützte und am Ende selbst aktives Mitglied wurde, war für die Ausarbeitung und Prüfung sämtlicher Vertragswerke natürlich ein Riesenvorteil und hat Kosten gespart.

Über die Mitgliedsbeiträge des Vereins, der zurzeit 30 Mitglieder hat, sind zunächst mal alle Fixkosten gedeckt. Geplant ist nun, den Laden an vier Tagen in der Woche insgesamt 20 Stunden zu öffnen. Um den wenigen ortsansässigen Geschäften – einer Bäckerei, einem Metzger und einem Getränkeladen – keine Konkurrenz zu machen, werden kein Fleisch, keine Backwaren und keine Getränke angeboten. Aber alles andere, was ein Supermarkt sonst so zu bieten hat – von Klopapier, Waschmittel, Obst, Gemüse bis zu Marmelade und Joghurt.

Hochwertige Bio-Lebensmittel auf Einkaufspreisniveau

Im Verein haben sich bereits verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die sich um Sortiment, Bestellung, Anlieferung, Verkauf, Kassensystem und was sonst noch so alles anfällt kümmern. „Alles rein ehrenamtlich, bei uns verdient keiner dafür Geld“, betont Austmann. Etwa zwei Stunden pro Woche, so ist nun der Plan, ist jeder für den eigenen Laden im Einsatz. Durch dieses Engagement und die Tatsache, dass der Ladenverein keinen Gewinn erwirtschaften möchte, können die Vereinsmitglieder hochwertige Bio-Regio-Lebensmittel auf Einkaufspreisniveau beziehen – und damit durchschnittlich rund 30% günstiger als konventionelle Produkte bei der entfernten Supermarktkette. Sobald das für den Neubau notwendige Darlehen getilgt ist, kann die UG mit den Mieteinnahmen langfristig weitere Zukunftsprojekte im Dorf anschieben.

Autor/en

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.