Foto: © TBfW e.V.

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Soziales Engagement als eigene Währung – die Duisburger Initiative „Tausche Bildung für Wohnen“

Dies ist die Geschichte von Jaouad, Selja, Lucas und Berk – den Kindern aus Duisburg-Marxloh. Und die Geschichte von ihren neuen Nachbarn im Viertel – den Studenten und Abiturienten Maxi, Helge, Leman und Masha. Sie handelt aber auch von arm und reich, benachteiligt und gebildet. Vor allem aber erzählt sie von einem bislang einzigartigen Nachbarschaftsprojekt, das aus ehrenamtlichem Engagement eine eigene Währung macht und die breite Kluft zwischen sozialen Gegensätzen verkleinern möchte. „Tausche Bildung für Wohnen“ (TBFW) heißt der junge Verein und seit einigen Wochen wird nun in Marxloh mietfrei gewohnt und dafür Bildung getauscht.

Es ist ein regnerischer Tag und an solchen Tagen erscheint der Duisburger Stadtteil Marxloh wohl noch ein wenig grauer. Der Putz bröckelt von vielen Fassaden, überall künden herunter gelassene Rollladen vom Wohnungs- und Laden-Leerstand. Jeder Vierte der 17 500 Einwohner ist ohne Arbeit, jeder Dritte lebt von Transferleistungen. Jeder Dritte ist aber auch jünger als 19 Jahre. Auf der Weseler Strasse warten heute viele Verkäuferinnen in den mehr als 50 türkischen Brautmodenläden, für die das alte Arbeiterviertel im ganzen Ruhrgebiet berühmt ist, vergeblich auf Kundinnen.

Mit lautem Getöse dreht gerade der zehnjährige Jaouad auf Rollschuhen eine Runde durch die „Tauschbar“. Der neue Quartiers-Treffpunkt des Vereins ist in einer frisch renovierten, hellen und freundlichen Altbauwohnung im Erdgeschoß an der „St. Peter und Paul Kirche“ untergebracht. Ganz früher hat hier der Pastor gewohnt, seit Dezember darf die Initiative „Tausche Bildung für Wohnen“ diese Räume nutzen und muss nur für die Nebenkosten aufkommen.

Paten und Patinnen wohnen mietfrei in zwei Wohngemeinschaften

Sechs junge Bildungs-Paten und -Patinnen haben in der Straße gleich nebenan ihre WG-Zimmer in zwei ebenfalls neu renovierten, 80 Quadratmeter großen Altbau-Wohnungen bezogen. Maxi Boden, Helge Gebel und Leman Koldaguc sind drei von ihnen, die heute als Paten Dienst haben in der Tauschbar. Die drei leisten ein Freiwilliges Soziales Jahr bzw. den Bundesfreiwilligendienst ab. Die anderen drei sind Studenten und gerade in der Uni. Miete muss keiner von ihnen bezahlen. Ihr Wissen und ihre Kompetenzen weiter geben, das müssen sie schon.

Mit Jaouad, Selja und den anderen haben sie heute Hausaufgaben gemacht, danach dann Kicker gespielt. Hoch im Kurs stehen auch die Schnitzeljagden durchs Viertel. Jaouad steht heute ganz offensichtlich zum ersten Mal in seinem Leben auf Rollschuhen. Einer der Paten hält den breit grinsenden Jungen vorsichtshalber fest. Der sehr zarte, dunkelhaarige Junge genießt die Aufmerksamkeit sichtlich. „Der Jaouad ist normalerweise ja total schüchtern. Toll, dass er sich traut“, freut sich der 18jährige Helge. Obwohl es das Angebot erst wenige Wochen gibt, kommen schon knapp 20 Kinder aus dem Viertel regelmäßig in den Treffpunkt; zur Hausaufgabenhilfe und Freizeitbetreuung. Oft haben sie viele Geschwister und ihre Eltern kaum Zeit, um mit ihnen zu spielen. Einige sprechen nur gebrochen deutsch.

„Es ist cool, für die Kids ein Vorbild zu sein“

„Die strahlenden Augen der Kinder machen einen richtig glücklich“, sagt Helge, „das schönste Kompliment ist, wenn sie nachmittags gar nicht abgeholt werden wollen von den Eltern.“ Und die 22jährige Leman, die in Oberhausen letztes Jahr Abitur gemacht hat und selber türkische Wurzeln hat, findet es „cool, dass ich hier für die Kids ein Vorbild sein kann. Ich erkenne mich selbst in ihnen wieder.“ Die 24jährige Maxi Boden hat bereits ein fertiges Architektur-Studium hinter sich hat. Sie findet das Projekt „so spannend, weil es ja die Durchmischung solcher Arbeiter-Viertel fördert“ und diese dann auch für andere Studenten oder Mittelständler attraktiv mache. Leerstehende Häuser und Wohnungen gäbe es in Marxloh schließlich genug, „viele sind zwar marode, aber die Bausubstanz ist eigentlich toll.“

Die Idee zu TBFW stammt von Christine Bleks und Mustafa Tazeoglu, zwei jungen Sozialunternehmern. Tazeoglu ist selbst in Marxloh aufgewachsen, hat hier Abitur gemacht und VWL studiert. All die Vorurteile über Marxloh kann er nicht mehr hören. „Ich hab da selber viel Arroganz erlebt und ne gehörige Portion Wut spielt bei mir bei der Umsetzung des Projektes auch ne Rolle“, gibt der temperamentvolle Türke unumwunden zu, “es wird einfach zu viel diskutiert und zu wenig konkret gemacht.“

Spenden ermöglichten den Kauf von zwei Wohnungen für Studenten-WGs

Mit „Tausche Bildung für Wohnen“ – inzwischen als gemeinnütziger Verein organisiert – hat er gemeinsam mit seiner Partnerin Christine Bleks – einer studierten Philosophin- nun ein soziales Projekt auf den Weg gebracht, das bundesweit in den Medien viel Aufmerksamkeit erregt hat. Dank der vielen Auszeichnungen, Preise, Spenden und auch öffentlichen und privaten Fördergeldern konnte der Verein 2014 zwei leerstehende Altbau-Wohnungen für die Studenten kaufen und renovieren. Aufwendig in Stand gesetzt werden musste auch die „Tauschbar“ selbst, die ebenfalls jahrelang leer stand. Hinzu kamen unzählige bürokratische Hürden, die Bleks und Tazeoglu zwischenzeitlich über den Kopf zu wachsen schienen. Der Gewinn einer kostenlosen Rechts- und Gründungsberatung, um die sie sich bei pro bono Deutschland beworben hatten, kam dann genau zum richtigen Zeitpunkt.

Die Satzung für den Verein; die Verträge mit den Eltern, die für die Freizeitbetreuung einen kleinen Obolus bezahlen müssen; die Formalitäten mit den städtischen Ämtern; die vielen Fragen zu Versicherungen und Arbeitsrecht; all das wurde für sie von Profis aufgesetzt und geklärt. „Das hätten wir alleine nicht geschafft. Unser Modell ist ja ganz neu, da gibt es kein Vorbild. Aber dann konnten wir endlich loslegen“, sagt Christine Bleks. Auf ihrem Schreibtisch und auf den Fensterbänken in ihrem Büro in der Tauschbar stapeln sich noch all die Papiere. Viel, viel Herzblut haben beide investiert, standen am Ende aber trotz des großen Erfolgs und der Zuwendung doch kurz vor der privaten Insolvenz.

Ein „Social Franchise“-Konzept auch für andere Städte

Dank einer Anschub-Finanzierung der Bundeszentrale für Politische Bildung und Mitteln aus dem Förderprogramm „Soziale Stadt“ können sie sich nun nicht nur ein Jahr lang ein Gehalt auszahlen, sondern das ganze Projekt auch in Ruhe auf sichere Beine stellen. Und sie träumen davon, ihr Konzept als „Social Franchise“ auch an andere Städte und benachteiligte Quartiere weiter geben zu können.

Woher aber kommt so viel Motivation? Christine Bleks muss nicht lange darüber nachdenken. Sie holt einen Ordner aus dem Regal mit vielen handgeschriebenen kleinen Zettelchen und Zeichnungen. „Das sind die Briefe, die die Kinder uns schreiben und die Bilder, die sie für uns malen und bei uns in den Briefkasten werfen.“ Da wissen die Paten und Patinnen und die anderen Mitstreiter von TBFW, warum sich das alles so lohnt. Die schönste Bestätigung kommt von den Schwächsten aus dem Viertel, von den Kindern. „Den Kopf öffnen durch Spaß, das wollen wir,“ sagt die Philosophin Bleks am Schluß noch.

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.


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