Grafik: HauptwegNebenwege / Fred Fuchs

Grafik: HauptwegNebenwege / Fred Fuchs

Nachmachen erlaubt! Was kann ich von anderen lernen?

Viele Nachbarschaftsinitativen unterscheiden sich in einer Sache NICHT: jede erarbeitet ihren Fahrplan zur Umsetzung ihrer Idee mit viel Kraft ganz individuell. Jede schlägt sich alleine mit den Hürden herum – oft ohne Hilfe durch erfahrene Projekte. Wäre es nicht leichter, schon von anderen gegangene und erfolgreiche Schritte auf den eigenen Weg anzupassen, vor gemachten Fehlern gewarnt zu werden, um sie nicht selbst auch noch mal zu machen?

 

„Die Fragen, die ihr stellt, sind nicht die Fragen, die ihr habt.“

In der Werkstatt Neue Nachbarschaft kristallisierte sich schnell heraus, dass viele Nachbarschaftsinitiativen Fragen als drängend formulieren und dabei aus dem Blick verlieren, was die wirklich wichtigen, essentiellen Fragen sind. Um an diese heranzukommen, müssen die bisherigen Ereignisse / Projektschritte und die relevanten Mitspieler / Entscheidungsträger im Umfeld des Projekts klar benannt werden. Schon eine einfache Auflistung bringt oft viel Klarheit über die Grundbedingungen und Handlungsoptionen.


Initiative 1

  • Wie macht man Öffentlichkeitsarbeit, um die Bürger der Stadt auf die eigene Seite zu ziehen?
  • Wie kommuniziert man deutschland- bzw. europaweit eine Besetzung?
  • Wie finanziere ich den Kauf eines Grundstücks?

Im Gespräch zeigte sich schnell, dass sich aktuell ganz andere Fragen stellen, die geklärt werden müssen. Der neue Besitzer des Geländes hat das Gelände zwei Wochen zuvor bereits von den Projektleuten räumen lassen. Es ist nicht davon auszugehen, dass in näherer Zukunft eine Einigung mit Perspektive gefunden werden kann.  Auch die angespannte Kommunikation zwischen Besitzer und Stadtverwaltung erschwert die Verhandlungen.

Auch wenn das Projekt über einen guten Draht zur Verwaltung und zum Stadtbaurat verfügt und Presse und Öffentlichkeit dem Projekt gegenüber aufgeschlossen und wohlwollend gestimmt sind – die Situation scheint aktuell derart festgefahren zu sein, dass die Berater schnell zu dem Schluss gekommen sind, die Initiative täte gut daran, sich von dem konkreten Ort zu lösen und nach Alternativen Ausschau zu halten. Emotional ist die Bindung zum aktuellen Ort noch sehr hoch (das Gelände hat einen besonderen Charme, eine offene und kreative Atmosphäre, positive Erinnerungen sind damit verbunden) – allerdings wird schnell klar, dass die Aussicht auf Erfolg – die weitere Nutzung des Geländes – äußerst gering ist, wohingegen die Gefahr „sich zu verkämpfen“ und fortgesetzt zu frustrieren zu hoch ist. In der Gruppe werden nun zeitnah mehrere Szenarien erörtert und Prioritäten geklärt: Sind Ort oder Projektinhalte wichtiger?

Ein alternatives Gebäude ganz in der Nähe wurde der Gruppe bereits durch die Stadtverwaltung angeboten und bietet sich möglicherweise als Ausweichquartier an. Hier ist sich die Gruppe sehr unsicher, ob sie die Projektgröße stemmen kann.

Positive Beispiele von ähnlichen Projekten und Austausch vor Ort über Trägerschaft, Bauleistungen, Rechtsformen können das Vorhaben anschließend weiter konkret unterstützen.

Unterm Strich:

  • Entscheiden kann nur, wer Verantwortung trägt – bei Grundstücken: immer und ausschließlich nur der Eigentümer.
  • Worüber können wir selbst bestimmen, worüber entscheiden andere?
  • Wer ist wobei Partner auf Augenhöhe? Was ist konkret die ehrliche Motivation dafür? Ist allen das bewusst?
  • „Reisen bildet“: anschauen und vor Ort diskutieren, wie andere etwas Ähnliches geschafft haben und worauf es dabei im Detail ankam.

Initiative 2

  • Wie können wir uns organisieren, dass neue Leute gerne Verantwortung übernehmen? Bzw. wie können wir unser Engagement weitergeben?
  • Auf welchem Weg können wir eine langfristige Finanzierung erreichen? (Fixkosten, Nebenkosten, GEMA Gebühren etc. derzeit bei ca. 500€/Mon)
  • Wie erreiche ich die Bürger?

Die Initiative ist als Studierendenprojekte vor einigen Jahren aufgebaut worden. Mittlerweile ist die „dritte Generation“ im Projekt aktiv. Das Projektteam leidet allgemein unter einer hohen Fluktuation, da es vor allem von Studierenden getragen wird – die aber die Stadt nach dem Studium fast alle wieder verlassen.

Reine „Mitmacher“ und „Konsumenten“ der kostenfreien Angebote/Raumnutzung und des Cafébereichs gibt es aber immer genügend, auch gemischtes Publikum aus dem Stadtteil. Die Projekt-Vertreterinnen, berichten von Phasen der Selbstausbeutung, in denen sie sich nur als Dienstleister empfunden haben. Sie werden aller Voraussicht nach mit Studienabschluss die Stadt verlassen und fragen deshalb: Wie können wir Menschen zum Mitmachen motivieren oder durch eine verbesserte Kommunikation dafür begeistern, im Projekt Verantwortung zu übernehmen?

Im Gespräch wird schnell herausgearbeitet, dass das Projekt nur leben kann, wenn sich Menschen finden, die für sich wiederum Spaß, Freude und Sinn im Projekt finden und das in einem für sie leistbaren Rahmen organisieren können. Es wird deutlich, dass aktuell die Freude am Tun etwas zu kurz kommt, dass das Projekt aber nur eine Chance hat, wenn Menschen da sind, die über eine starke intrinsische Motivation verfügen.

Die zentrale Frage ist also die der Wertschätzung: für das Angebot und für den persönlichen Einsatz der Anbieterinnen.

In der Diskussion wird das Szenario durchgespielt, dass ein Projekt durchaus auch einmal sterben kann – insbesondere in diesem Fall, da das Projekt als „temporäre Zwischennutzungen“ konzipiert ist. Und findet sich eben niemand, der Lust und Freude daran hat, das Projekt in seinem Sinne fortzuführen, dann ist durchaus legitim, ein auch noch so schönes Projekt einzustellen. Ein Projekt darf auch mal das Zeitliche segnen. Niemand „muss“ nur um des lieben Projektes willen ein Projekt am Leben erhalten.

Wichtigste persönliche Erinnerung der Beratenen: Sie müssen keine Erwartungshaltung erfüllen, nur ggf. ihre eigene korrigieren.

Man könnte sich also etwas locker machen: Findet sich bis zu einem definierten Termin niemand, der den Wert für sich erkennt und deshalb das Projekt übernehmen möchte, sollte mit einer zünftigen Abschlussparty das Projekt zu Grabe getragen werden dürfen. Was kein Versagen darstellen würde, sondern selbstbewusst als ein letzter Dienst am Projekt verstanden werden könnte … das immer (auch im Bewerbungssteckbrief) als ZWISCHENnutzung geplant gewesen ist. Irgendeiner muss ja schließlich das Licht ausknipsen.

In der Diskussion werden dann noch Ideen entwickelt, wie das Projekt anderen zur Übernahme angeboten werden könnte. Es entsteht das Bild eines „Ämterflohmarkts“.

Unterm Strich:

  • Wertschätzung ist wichtig. Nichts im Ehrenamt ist selbstverständlich.
  • Spaß ist wichtig.
  • Entscheiden darf nur, wer Verantwortung trägt – das gilt vor allem und auch im ehrenamtlichen Bereich.
  • Strukturen dienen einem konkreten Zweck. Wenn sie ausgedient haben, müssen sie neu angepasst oder auch mal abgeschafft werden.

Initiative 3: SYNTOPIA, Duisburg

  • Wie bauen wir eine Struktur auf, die von alleine läuft?
  • Wie können wir mehr Leute dazu bekommen und wie managen wir das dann?
  • Geben wir uns mit dem kleinen Laden zufrieden, oder bauen wir etwas Größeres auf?

Vor zehn Jahren wurde der Mustermensch e.V. gegründet. In Duisburg-Hochfeld ist ein Teil der Mitglieder seit drei Jahren stärker aktiv. Das große Ziel eines „soziokulturellen Zentrums“ schwirrt seit langem in den Köpfen der Aktivisten herum. Mehrere Anläufe dazu, zuletzt die Übernahme eines von der Stadtverwaltung angebotenen ehem. Schulgebäudes am Stadtrand, führten zu keinem Ergebnis, weil die dezentrale Lage und die enorme Größe der Immobilie von den Projektinitiatoren abgelehnt wurden. Im Sommer 2014 sah die Kerngruppe sich vor die Entscheidung gestellt: entweder konkret und praktisch vor Ort loszulegen oder sich in alle Winde zu zerstreuen. „Aus der Not heraus“ … „alles eine Nummer kleiner“ wurde ein kleines Ladenlokal unter dem Namen SYNTOPIA eröffnet und bietet dort Hausaufgabenhilfe, politische Veranstaltungen, Lebensmittelrettung, Feiern u.v.m. an. Das Projekt läuft sehr gut an. Schon nach zwei Monaten wird es eng, für Initiativen und Anfragen von außen, die regelmäßige/wöchentliche Angebote anbieten möchten, sind schon keine Zeitfenster mehr zu haben.

Welche Bedeutung hat die „große Vision“ – Empfehlung: zunächst Konzentration auf den Betrieb des Ladens, auf das Machen. Denn das hält alle zusammen und zieht neue spannende Leute an. Hierbei auch Diskussion der Prioritäten und bewusste Festlegung dazu in der Gruppe: erst einmal eigene Ideen umsetzen; und wenn dann noch Platz/Zeit ist: auch offen sein als „Dienstleister“ für andere.

Parallel aber auch Weiterspinnen und Weiterverfolgen der „großen Lösung“ in einer „AG Vision“: klären, ob alle die Vision teilen und was sie konkret beinhaltet. Und Beispiele für Projekthäuser aufsuchen und vor Ort austauschen. Die Berater stellen schnell fest, dass SYNTOPIA alles richtig macht, den Erfolg genießen und ausbauen. Sie haben keinen Druck, sie können ihr Tempo selbst bestimmen. Auch gegenüber Stadtverwaltung und der Politik kann mit dem geglückten Start vor Ort viel selbstbewusster aufgetreten werden.

Es werden auch noch Fragen gestellt, wie man sich konkret in der Alltagsarbeit organisieren soll, unter welchen Bedingungen man etwa im Plenum teilnehmen darf, wer welche Räume und Ressourcen wie nutzen kann. Wie frei, wie offen wollen wir sein, welche Regeln brauchen wir, welche nicht? Auch hier stellen die Berater fest: Macht einfach, nur ihr könnt eure Regeln selbst definieren. Dafür gibt es keine Rezepte. Lernt durch das „Doing“ und auch den Besuch und die Kommunikation mit anderen vergleichbaren Projekten bundesweit – einfach hinfahren und austauschen. Habt Spaß! Bereist andere ähnliche Projekte – sowohl Stadtteilläden als auch Projekthäuser.

Unterm Strich:

  • Spaß ist wichtig. Und „Wir für uns.“ eine absolut legitime, wenn bewusst formulierte Motivation.
  • Entscheiden kann nur, wer Verantwortung trägt. Worüber können wir selbst bestimmen, worüber entscheiden andere?
  • Strukturen dienen einem konkreten Zweck. Wenn sie ausgedient haben, müssen sie angepasst werden.
  • Wertschätzung ist wichtig, Anspruch auf „Dienstleistungen“ durch Ehrenamtliche gibt es nicht.
  • Wer ist Partner auf Augenhöhe, wer „Konsument“? Was ist konkret die ehrliche Motivation jedes Einzelnen dafür?
  • „Reisen bildet“: anschauen und vor Ort diskutieren, wie andere etwas Ähnliches geschafft haben und worauf es dabei im Detail ankam.

 

Autor/en

Foto: Christina Weiß, Lindenauer Stadtteilverein

Christina Weiß kennt sich im Umgang mit der Stadtverwaltung aus und ist seit 2001 Mitglied im Lindenauer Stadtteilverein, Leipzig. Der Verein treibt die Entwicklung des Leipziger Stadtteils Lindenau seit Jahren voran, indem er Projekte iniitiert und auf eigene Beine stellt. Aus ihm sind unter anderem der Nachbarschaftsgärten e.V. und der Haushalten e.V. hervorgegangen.

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Sebastian Hebler ist 1971 geboren um nach Unterschieden zu suchen, sie zu finden, darzustellen und zu Unterschiedlichkeit zu ermutigen. Er ist Konzeptioner, Impuls- und Ideengeber, der zusammen mit seinem ihm ähnlichen Bruder die Agentur »HauptwegNebenwege« in Köln führt.