Grafik: Kristin Gehm, Marcus Paul

Grafik: Kristin Gehm, Marcus Paul

Tierische Herausforderungen: „Hase und Igel“, „Ochs vorm Berg“ und „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“!

Initiativen, die sich ehrenamtlich für ihre Nachbarschaft engagiert, gelangen immer wieder an Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Joachim Boll und Kristina Sassenscheidt suchen mit Initiativen gemeinsam Lösungen auf die Fragen: Wofür nehme ich mir zuerst Zeit – Idee konkretisieren oder Entscheider überzeugen? Meine Idee ist gut – aber funktioniert sie wirklich? Wie kommuniziere ich richtig? Die während der Werkstatt Neue Nachbarschaft entwickelten Lösungsansätze sollen hier für alle Interessierten Anregung geben.

In unseren Gesprächsrunden drehten sich viele Fragen und Hinweise um die drei folgenden Themen.

Zugriff aufs Eigentum

Viele Projekte haben das Problem von Hase und Igel. Sie haben eine Idee oder ein Konzept für eine Immobilie, sind aber noch nicht so weit, alle Fragen beantworten zu können, die notwendig wären, um Entscheider abschließend zu überzeugen. Sie brauchen Zeit, ihre Ideen zu konkretisieren. Politik und vor allem Eigentümer von Immobilien wollen aber möglichst schnell harte Fakten. Diese Ungleichzeitigkeit erzeugt Widerstände und oftmals unauflösbare Probleme. Deswegen unser Ratschlag: starke Kernidee und ein Kernteam von Mitstreitern präsentieren und dann für einen verbindlichen Zeitrahmen gegenüber z.B. kommunaler Politik werben, in dem das Projekt auf Realisierbarkeit und harte Fakten für Entscheidungen geprüft wird. Dies geht am besten, wenn man für ein bestimmtes Zeitfenster provisorisch den Zugriff aufs Eigentum erhält (Moratorium, Anhandgabe).

Testen im Provisorium

Viele Projekte haben das Problem des Ochsen vor dem Berg: Ihre Ideen sind plausibel und gut, aber sie sind selbst noch unsicher, ob sie auch tatsächlich funktionieren. Hier kann helfen, dass zwar ein langfristiges Ziel (z.B. Umbau/Neubau, Nutzung einer Immobilie) formuliert ist, aber in Provisorien und im Ausprobieren gedacht wird. Das Projekt wird dann in Häppchen aufgeteilt und z.B. über temporäre und/oder provisorische Aktionen getestet. Für die Absprache eines Rahmens für solche Aktionen lassen sich oft kommunale Akteure, Eigentümer, Partner, Unterstützer gewinnen. Hierüber kann projektintern praktisches Vertrauen in den Aufbau eigener Kräfte und gegenüber „Dritten“, Entscheidern etc. die reale Utopie besser erkennbar und dafür geworben werden. Zugleich kann man sich rechtzeitig von möglichen Irrwegen verabschieden, die den Praxistest nicht bestehen.

Gewinnung von weiteren Unterstützern

Entscheidend für Entwicklung und Erfolg der meisten Projekte ist eine professionelle Kommunikation – sowohl um weitere Mitstreiter zu aktivieren, als auch um Unterstützer aus Öffentlichkeit und Politik zu gewinnen. Dabei helfen bewährte Methoden aus der PR, allen voran jedoch die Haltung, immer empfängerorientiert zu kommunizieren. Oder, um bei den Tiermetaphern zu bleiben: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler! Ob kontinuierliche Kommunikation oder zeitlich begrenzte Kampagne, als Grundlage sollte immer eine klare Strategie dienen. Sobald ein Projekt sich der eigenen Visionen, Ziele und Zielgruppen bewusst ist, kann es Botschaften formulieren, mit denen sich möglichst viele BürgerInnen identifizieren können, und zwar so positiv und ideologiefrei wie möglich. Und es lohnt sich, viel Zeit in Vertrauensaufbau zu stecken, sprich persönliche Kontakte auf Augenhöhe aufzubauen und zu pflegen, ob zu Presse, Politik oder Verwaltung.

 

Autor/en

Foto: Joachim Boll

Joachim Boll , Jahrgang 1952, ist Architekt und arbeitet seit 1978 in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen im Ruhrgebiet und in NRW. Mit seinem 2001 gegründeten Büro startklar.projekt.kommunikation managed er das NRW-Landesprogramm „Initiative ergreifen“ im Auftrag des MBWSV. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählen die Unterstützung und Qualifizierung von Projekten in Stadterneuerung und Stadtentwicklung.

Foto: HauptwegNebenwege/EE

Kristina Sassenscheidt ist Projektpraktikerin und Verwaltungskennerin zugleich. Sie engagiert sich im Hamburger Gängeviertel und beschäftigt sich mit Kommunikation, Medien und Kampagnen. Von 2007 bis 2014 hat sie die Öffentlichkeitsarbeit im Denkmalschutzamt der Stadt Hamburg auf- und ausgebaut.