Grafik: Fred Fuchs, KölnGrafik: Fred Fuchs, Köln

Open Minds – Mitstreiter identifizieren

Ein Nachbarschaftsprojekt macht man ja – das liegt in der Natur der Sache – nie alleine. Es ist darauf angelegt, mit Menschen aus dem Quartier, mit Freunden und Gleichgesinnten gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Aber wo stecken die meiner Idee und meinem Projekt gegenüber Aufgeschlossenen? Wer ist zum Mitmachen leicht zu gewinnen, wer muss erst noch überzeugt werden – und bei wem ist alle Liebesmüh vergebens?

Als ich als Ratgeber zum Thema Kommunikation zu den Werkstätten Neue Nachbarschaft in Hannover und Köln eingeladen wurde, ging ich zunächst davon aus, dass wir in Workshops und Diskussionen schnell über konkrete Umsetzungsideen und ganz alltagspraktische Fragen in der Art „Wie setze ich eine kleine Kampagne auf, um mein Projekt bekannt zu machen?“, „Welche Online-Tools nutze ich, um für mein Projekt erfolgreich Fundraising zu betreiben?“ oder „Welche Werkzeuge setze ich am besten für die Pressearbeit ein?“ sprechen würden. Schnell wurde aber klar, dass die meisten Projektmacherinnen und Projektmacher in Sachen Kommunikation ganz grundsätzliche Themen hatten. Immer wieder kreisten wir um allgemeine Fragen in der Art: „Wie kriege ich überhaupt die Leute für mein Projekt?“, „Wie motiviere ich andere mitzumachen?“, „Wie erkenne ich, wer für mich ist und wer mich unterstützt?“, „Wie gehe ich mit Quertreibern um, wie knacke ich Widerstände, zum Beispiel in der Verwaltung?“ usw. usf. Dass jedes Projekt als Einzelfall betrachtet werden musste, und es für alle diese Fragen keine einfachen und allgemein gültigen Ratschläge und Rezepte im Stil „Mach’s so!“ oder „Mach’s so besser!“ geben konnte, war bald Konsens. Wohl aber erinnerte ich mich an einen Vortrag von Gunter Dueck, den ich auf der re:publica 2013 gehört  hatte, und sein im gleichen Jahr veröffentliches Buch „Das Neue und seine Feinde“. Darin beschreibt er das Resistenz-Modell, in dem zwischen Protagonisten, Open Minds, Closed Minds und Antagonisten unterschieden wird. Zwar handelt es sich um ein Modell aus der IT-Welt, das anschaulich beschreibt, wie etwa die Einführung von Smartphones sich vollzogen hat. Das Modell  lässt sich meines Erachtens aber gut auch auf die Einführung neuer Ideen und Projekte allgemein übertragen.

Resistenzmodell

Dueck beschreibt den einfachen Zusammenhang, dass jeder, der Neues einführen möchte – und die meisten Projektmacherinnen und Projektmacher in Nachbarschaftsprojekten sind nun einmal in diesem Sinne „Innovatoren“ – sich bestimmten Gesetzmäßigkeiten gegenüber gestellt sieht, die sich aus den unterschiedlicher Haltungen der Menschen zu einer neuen Idee, zu einem neuen Projekt heraus bilden. Da gibt es zunächst die Protagonisten, zu denen ja immer  die federführenden Projektmacherinnen selbst gehören: Sie sind begeistert und mit Herzblut dabei, sie haben eine Idee und ein klares Bild davon, wie die Idee umgesetzt werden soll. Meist handelt es sich dabei um Einzelpersonen oder den „harten Kern“. Sie sind Feuer und Flamme für das Projekt, müssen nicht überzeugt werden, sie müssen aber, wenn sie wiederum Unterstützer für das Projekt generieren möchten, wissen, wer überhaupt für das Projekt gewonnen werden kann – und mit wem jede Diskussion reine Kraft- und Zeitverschwendung bedeutet. Für Protagonisten und Projektmacher sind da zunächst die Open Minds interessant. Sie bekunden Interesse einer Sache gegenüber, wären dabei, „wenn für eine Idee die Zeit reif ist.“ Sie sind als erste anzugehen und für das Projekt zu gewinnen. Gelingt dies, entwickelt der Projektmacher ein gutes Gefühl für seine Idee und kann behaupten: Ja, das Projekt macht Sinn, meine Idee trägt. Erst im nächsten Schritt wären die Skeptiker, Bedenkenträger und zaghaften Zauderer – die Dueck alle unter dem Begriff Closed Minds zusammenfasst, als Zielgruppe anzusteuern. Wenig Kraft sollte auf die Überzeugung von Antagonisten ver(sch)wendet werden, womit alle diejenigen gemeint sind, die offen gegen das Neue, offen gegen das Projekt agieren. Sie sind nicht zu überzeugen. Sie gewinnen zu wollen, ist verpuffte Energie. Wer mit diesem Bewusstsein an ein Projekt heran geht, kann gezielt Mitstreiter finden und  Kraft sparen, die ja auch für die meisten eine nur begrenzte Ressource ist.

Nicht selten tappen aber engagierte Akteure in die Falle der Antagonisten und Closed Minds. Vorgetragene Bedenken und offener Widerspruch führen dann dazu, dass der Protagonist sich zur Rechtfertigung seiner Idee bemüßigt fühlt oder in einen Kampf für sein Projekt zieht, den er gegen die ihn und sein Projekt offen bekämpfenden Akteure einfach nicht gewinnen kann. Während er also in Gefahr läuft, sich zu verkämpfen, vernachlässigt er die Aktivierung und den Aufbau der sein Projekt tragenden Community. Und nicht selten gerät dann ein Projekt in eine Negativ-Spirale.  Frust entsteht, ein Projekt droht zu scheitern.

So kann die Beschäftigung mit dem Resistenz-Modell helfen, sich im Umgang mit Akteuren bewusst zu sein und davor zu bewahren, sich in endlosen Diskussionen mit den  Closed Minds  zu verlieren oder gar in offenen Kämpfen mit Antagonisten zu verbeißen. Also: Fangen Sie bei denen an, die Ihnen nahe sind. Finden Sie die „Open Minds“ in Ihrem Umfeld und gewinnen Sie diese für Ihre Idee.

Vortrag von Gunter Dueck auf der re:publica 2013 (ab ca. Minute 54 interessant)

Autor/en

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Sebastian Hebler ist 1971 geboren um nach Unterschieden zu suchen, sie zu finden, darzustellen und zu Unterschiedlichkeit zu ermutigen. Er ist Konzeptioner, Impuls- und Ideengeber, der zusammen mit seinem ihm ähnlichen Bruder die Agentur »HauptwegNebenwege« in Köln führt.


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