Foto: CC-by-nc-sa Miethäuser Syndikat, Matthias Dautel

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Der Basis verpflichtet

Von den Stärken des Konsensprinzips schreibt das Mietshäuser Syndikat. Das Mietshäuser Syndikat (MHS) besteht seit zwei Jahrzehnten, ist mittlerweile auf 86 Projekte gewachsen und hält weiterhin an basisdemokratischen Entscheidungsprozessen fest. Wichtige Entscheidungen werden im Konsens getroffen. So entstand auch dieses Plädoyer: in Zusammenarbeit mehrerer Aktiver des MHS – ganz ohne Hierarchie.

Basisdemokratie als Entscheidungsprinzip – das lässt Bilder wach werden von dunklen, verrauchten Räumen in denen Kapuzenpullover-bekleidete Menschen stundenlang auf unbequemen Stühlen sitzen und diskutieren …

Im ersten Moment klingt das eher nicht nach den Vorstellungen, die eine_n[1] vom Hocker reißen und zur Mitarbeit bewegen. Und dennoch gibt es immer wieder Gruppen und Initiativen, die beschließen, die zu bewältigenden Aufgaben gleichberechtigt zu besprechen und zu entscheiden; ohne Chef_in oder institutionalisierte Hierarchie, sondern im Bewusstsein und Bestreben, dass die Meinung jeder einzelnen Person gleichwertig ist. Dabei ist der Konsens ein wichtiges Prinzip. Im Konsens zu entscheiden bedeutet, dass Lösungsansätze so lange diskutiert werden, bis die Bedenken aller Mitglieder ausgeräumt sind. Das mag bedeuten, dass es länger dauert, bis eine Entscheidung getroffen werden kann. Sich diese Zeit bewusst zu nehmen, ist eine der Stärken des Konsensprinzips: Da der Grund für die Verzögerung im Klärungsbedarf einzelner Personen liegt, kann durch die Diskussion schlussendlich eine für alle tragbare Entscheidung erreicht werden, mit der sich auch alle identifizieren können. Denn eine Entscheidung zu treffen ist noch nicht per se gut – sondern nur, wenn es auch eine gute Entscheidung ist. Wir machen in unserer Gesellschaft oftmals die Erfahrung, dass kritische oder unpopuläre Positionen schnell untergebuttert oder nicht ernst genommen werden. Im schlimmsten Fall werden Minderheitsmeinungen aus Angst vor Ablehnung oder Misserfolg gar nicht erst geäußert. Das Konsensprinzip stellt sich gegen diesen gesellschaftlichen Zwang, sich der Mehrheitsmeinung zu beugen. Es soll sicherstellen, dass alle Stimmen Gehör finden. Dennoch besteht natürlich durch die Möglichkeit noch kein Zwang zur Diskussion: Zur Frage, ob die Ladentüre nun blau oder grün gestrichen werden sollte, kann auch sehr schnell eine Einigung erzielt werden.

Basisdemokratie stärkt den Zusammenhalt

Basisdemokratie heißt nichts anderes, als jeder beteiligten Person (der „Basis“) das gleiche Maß an Entscheidungsmacht zu geben, anstatt sie einem begrenzten Personenkreis in den oberen Rängen einer Hierarchie zu übertragen. Damit stehen nicht nur die Entscheidungen auf einem in der Gruppe verankerten Fundament, sondern jede_r Einzelne lernt mit jeder Entscheidung erneut die Bedeutsamkeit der eigenen Meinung für die letztendlich getroffene Entscheidung. Ein gemeinsames Bewusstsein als „Gruppe“ oder „Projekt“ erleichtert das gegenseitige Vertrauen und die Bereitschaft, die Bedürfnisse der anderen zu erkennen und ernst zu nehmen; kurzum, sich mit der Verantwortung der eigenen Entscheidungsmacht auseinanderzusetzen. Damit ein solches Gruppengefühl entstehen kann, bedarf es einer reflektierten Kommunikationskultur. Es braucht Raum, grundlegende Fragen zu diskutieren, um sich im besten Fall auf gemeinsame Grundprinzipien zu einigen.

Basisdemokratie ist Alltagspraxis

Wenn wir uns einmal von dem belasteten Begriff Basisdemokratie wegbewegen, wird relativ schnell klar, dass wir in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen und in vielen Alltagssituationen schon längst auf diese Weise handeln bzw. entscheiden. Wer lässt sich schon gerne von Freunden vorschreiben, was sie oder er zu Abend essen oder im Kino anschauen sollte? Im Alltag nicht basisdemokratisch zu entscheiden würde bedeuten, wir müssten zulassen, dass wir bei jeder Entscheidung überstimmt werden können. Kann die Erfahrung, dass meine Stimme kein Gewicht hat, wirklich eine positive sein? Mit Personen, die uns nahe stehen, versuchen wir zumeist Kompromisse zu schließen, die dafür sorgen, dass den Bedürfnissen aller Rechnung getragen wird. Letztendlich ist genau das der Kern der Basisdemokratie. Das Prinzip ist also nicht aus der Luft gegriffen. Seine Umsetzung verlangt keine Wunderkräfte von uns. Entscheidungen auch in Arbeitskontexten basisdemokratisch zu treffen, mag erst einmal ungewohnt erscheinen, aber da die Prinzipien uns nicht grundsätzlich fremd sind, bedeutet das schlichtweg, einen Lernprozess anzustoßen. Dieser Prozess ist kein Widerspruch zu Professionalität, sondern eine Entscheidung für eine solidarische Arbeitsweise jenseits von struktureller Ungleichbehandlung und Hierarchie.


[1]     Der eingefügte Unterstrich („gender-gap“) soll symbolisch Platz schaffen, um auch alle geschlechtlichen Identitäten neben „Frau“ und „Mann“ zu berücksichtigen.

Autor/en

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Laura Mega schreibt an ihrer Doktorarbeit in den Neurowissenschaften. Sie wohnt seit 2012 in einem Wohnprojekt des Mietshäuser Syndikats (MHS) in Tübingen, da das MHS mit seinen drei Säulen (Verhinderung einer Reprivatisierung von Wohnraum, Selbstverwaltung der Projekte und Solidarität [mit neuen Projekten]) den Idealen entspricht, für die sie sich einsetzen möchte. Darüber hinaus engagiert sie sich seit vielen Jahren in anderen solidarischen Projekten, vor allem zu den Themen Geschlechtergerechtigkeit und Bildung. In diesem Zusammenhang führt sie in unregelmäßigen Abständen in Zusammenarbeit mit anderen Workshops und Veranstaltungen durch. Der vorliegende Text entstand in basisdemokratischer Zusammenarbeit mit anderen Aktiven des MHS - ganz ohne Hierarchie.