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Kleiner Laden – Große Wirkung: Die Beroma eG in Solingen-Hasseldelle

Ständig ertönt die Glocke, die jeden neuen Kunden meldet, im Hintergrund dezente Musik. An der Kasse bezahlen gerade einige lebhafte Kinder ihre Süßigkeiten, Jugendliche holen sich Energy-Drinks, zwei Senioren wiegen Gemüse ab. Wer länger bleibt und am Stehtisch in der Bistro-Ecke einen Kaffee trinkt, erlebt ein ständiges Kommen und Gehen. Nicht zu übersehen: Hier kennt jeder jeden, man begrüßt sich mit Handschlag und Namen. Ein ganz gewöhnlicher Nachmittag mitten in der Woche im kleinen, aber feinen Beroma-Markt in Solingen.

Für die meisten Städter ist das ja selbstverständlich: Man geht zu Fuß zum Einkaufen; vielleicht radelt man auch grad kurz zum Supermarkt. So ist das auch im Solinger Stadtteil Hasseldelle – allerdings nur, weil es hier eine starke Nachbarschaft gibt. Denn die schmeißt im wahrsten Wortsinn den Laden einfach selbst. Der Laden, das ist der nur 80 Quadratmeter große Bergische Regionalmarkt „Beroma“. Seine Besonderheit: Er wird von einer Genossenschaft betrieben, die die Nachbarn selber gegründet haben. Und das bereits seit 2009 und mit Erfolg: Lag der tägliche Umsatz früher bei unter 500 Euro, so werden heute schon fast 900 Euro am Tag umgesetzt. Sogar ein Lieferservice ins Haus oder die Wohnung – vor allem für viele ältere Bewohner wichtig – ist inzwischen eingerichtet.

Mit Anteilsscheinen aus der Nachbarschaft die Finanzierung gestemmt

Rentner Heinz Bockermann, der seit 45 Jahren in Hasseldelle wohnt, ist einer der vielen Kunden, die fast täglich kommen und der sich freut, „dass meine Brötchentüte samstags immer schon fertig da liegt.“ Bockermann ist auch einer der 85 Quartiersbewohner, die vor fünf Jahren mit ihren Anteilen von mindestens 100 Euro die Übernahme und Weiterführung des damals pleite gegangenen Tante-Emma-Ladens an gleicher Stelle erst ermöglicht haben. Zur großen Erleichterung sehr vieler Hasseldeller.

Dazu muss man wissen: Weit und breit gibt es in diesem Quartier keine anderen Geschäfte. Die Insolvenz und drohende Schließung des einzigen Ladens brachte damals viele Bewohner nicht nur auf die Palme, sondern auch an den Tisch des gleich neben dem Laden beheimateten Hasseldeller Bürgervereins WIR. Das war die Geburtsstunde der Beroma eG, an deren Ende alle Beteiligten gemeinsam verhinderten, dass die Nahversorgung im Quartier zusammenbrach. Zusammen mit einer Spende der Sparkasse konnte das nötige Kapital von 14 000 Euro für die Übernahme aus eigener Kraft aufgebracht werden.

Heute wird sogar Gewinn erwirtschaftet

„Kaufmännisch haben wir das inzwischen alles gut im Griff“, erklärt der Vorsitzende der Genossenschaft Hans-Peter Harbecke, ein alteingesessener Hasseldeller und als pensionierter Prokurist bestens mit Bilanzen und Geschäftsführung vertraut. Rund 5000 Euro Gewinn wirft der ehemals insolvente Laden heute pro Jahr ab. Geld, das in der Regel aber sofort wieder ins Geschäft fließt. „Es geht ja immer mal was kaputt. Rechnungen für Versicherungen und die Genossenschaft müssen davon bezahlt werden“, so Harbecke, der sich ehrenamtlich um alle Geldangelegenheiten kümmert. Der Vermieter – die Immobiliengesellschaft „Grand City Properties – stellt die Räume für die symbolische Miete von einem Euro zur Verfügung.

An eine „knochenharte Zeit“ für alle Beteiligten im Anfangsjahr erinnert er sich allerdings. Er war gerade in Ruhestand gegangen und sofort ging es mit „40-50 Stunden pro Woche für den Laden weiter.“ Heute dagegen können die Früchte geerntet werden und es reicht, wenn die Mitglieder der Genossenschaft einmal im Jahr zum Geschäftsbericht zusammen kommen. Fest bezahlt ist übrigens nur Marktleiterin Sibille Wuthenow, die den gesamten Einkauf erledigt. Außerdem gibt es zwei Auszubildende und vier Mitarbeiter auf Ein-Euro-Basis, die vom Jobcenter vermittelt werden. „Wenn da aber mal einer krank wird, gibt es hier einige, die einspringen, wenn Not am Mann ist“, sagt Christian Petschke von der Nachbarschafts-Initiative.

Viel mehr als nur ein Mini-Supermarkt

Heute ist der Beroma-Laden viel mehr als ein Mini-Supermarkt auf 80 Quadratmetern, in dem mal eben um die Ecke frische Brötchen, Wurst, Käse, Obst, Milch, Klopapier und viele Produkte aus der Region geholt werden können. Längst hat er sich mit seiner kleinen Cafeteria zu einem Treffpunkt entwickelt; mitten in einem vom trostlosen, sozialen Wohnungsbau der 60Jahre geprägten Viertel, in dem heute viele verschiedene Muttersprachen gesprochen werden. „Ohne den Laden hätten die Leute hier doch nix“, so sieht es eine Kundin an der Kasse ganz nüchtern.

„Hasseldelle ist ein Viertel, das unter seinem recht schlechten Ruf leidet und doch trotzdem eher einen dörflichen Charakter hat“, beschreibt es Christian Petschke, „aber der Laden trägt zur Identifikation mit dem Quartier bei und ist einfach ein Stück Lebensqualität.“ Und sein Vorstands-Kollege Harbecke empfindet diese „gute Reputation“ wie den „Applaus, den auch der Künstler braucht.“

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.


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