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Ins Schwärmen kommen: Die Intelligenz von vielen nutzen

„Immovielien – Immobilien für viele“ war die jüngste Werkstatt überschrieben, zu der die Montag Stiftung Urbane Räume (MUR) gemeinsam mit der VHS nach Bonn eingeladen hatte. 14 Nachbarschafts-Initiativen aus Deutschland stellten ihre Ideen und Projekte vor und brachten sie zwei Tage lang gemeinsam mit Ratgebern aus der Projektpraxis und Experten weiter auf den Weg. So unterschiedlich sie auch waren: Alle eint der Wunsch nach gemeinschaftlich genutzten, offenen Häusern, Räumen oder Flächen in ihrem Quartier und die Bereitschaft, dafür auch langfristig Verantwortung zu übernehmen. Und: Alle haben großen Beratungsbedarf.

Ob es nun um einen Stadtteil-Laden, ein öffentliches Wohnzimmer, ein Mehrgenerationen-Haus, eine Kulturfabrik oder einen gemeinsamen Garten geht: Wer langfristig Immovielien bespielen möchte, schafft das nicht alleine. Gemeinsam stark werden oder bleiben, das war das zentrale Anliegen von Gastgebern und Gästen. „Wir wollen gemeinnützige Dinge in die Umsetzung bringen und wir wollen weg vom Lobbyismus“, versprach Moderatorin Frauke Burgdorff, Vorständin der MUR gleich zu Beginn: „Wir backen nicht nur Kuchen, wir kaufen auch Häuser.“ Nach zwei Tagen intensiver Diskussionen und Beratungen hoben sich am Ende auf die Frage, wer von den rund 30 Mitstreitern aus den Initiativen denn nun wisse, wie der nächste Schritt beim eigenen Vorhaben aussehe, nahezu alle Hände im großen Stuhlkreis.

[box type=“download“ style=“rounded“ border=“full“] in der Werkstatt verwendete Arbeitshilfen [/box]

„Ist das überhaupt zu stemmen?“ Die Teilnehmer und ihre Anliegen

Die Teilnehmer reisten aus Dörfern, Kleinstädten oder auch Metropolen wie Berlin oder Dortmund an. Nicht wenige stecken noch im Studium. Andere engagieren sich im Rentenalter. Bei einigen Projekten müssen erst Millionen aufgebracht werden, andere dürfen schon mietfrei Räume nutzen. Das Spielfeld war also riesig und vielfältig. Besonders vor denen, die noch am Anfang stehen, türmt sich ein Berg von Fragen auf. Aber auch bei laufenden Projekten knirscht es immer mal wieder. Unterteilt in die drei Gruppen „Große Immobilien“, „Läden“ und „Treffpunkte“ lernten sich die Teilnehmer am ersten Tag kennen und versuchten ihre wichtigsten Ziele zu formulieren.

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Große Immobilien:

Die Künstler-Initiative „Kulturfabrik Bad Honnef“ träumt davon, eine riesige, leerstehende Fabrikhalle in einen offenen Ort für Kunst und Soziales zu verwandeln. Andere Bewerber für das Areal möchten dort ein Outlet-Center eröffnen. Wie läßt sich vielleicht beides dort unter einen Hut bringen? Und: Ist so ein großes Projekt von den Künstlern überhaupt alleine zu stemmen?

Beim Projekt „Freiraum Petersburg erhalten“ in Osnabrück dreht sich alles um die Erhaltung eines selbstverwalteten alternativen Kulturzentrums auf der Fläche eines alten Güterbahnhofes. Nun aber müssen neue Räume her, denn Pachtverträge laufen aus, der neue Vermieter hat andere ganz Pläne mit dem Grundstück.

Die „Ermekeil-Initiative“ aus Bonn möchte ein ehemaliges Kasernengelände umnutzen, dort preiswerten Wohnraum errichten und auch ein für jeden offenes Kulturangebot auf die Beine stellen. Ein millionenschweres Vorhaben.

Ein „Haus der Begegnung – Beth HaMifgash“ soll im niederrheinischen Kleve entstehen. Gedacht auch als Erinnerung als die jüdische Geschichte des Ortes. Ein Grundstück und auch Geldgeber sind bereits gefunden. Was noch fehlt, ist ein tragfähiges Wirtschaftskonzept.

Läden:

Die Übernahme und der Umbau einer alten Hofanlage in Stendal für ein Wohnprojekt mit angeschlossenem Gemeinschaftshaus ist Ziel der Freiwilligen-Agentur Altmark. Dafür wird die Gründung einer Genossenschaft erwogen. Da gibt es viele offenen Fragen.

Beim Projekt „Haus Rohde“ des Hörder Nachbarschaftsvereins ist geplant, eine leerstehende Gaststätte in einen Treffpunkt für die Nachbarschaft zu verwandeln. Zunächst aber muss ein Verein gegründet und die Finanzierung geklärt werden.

Die Duisburger Initiative „Syntopia“ hat bereits ein ungenutztes Ladenlokal im Stadtteil Marxloh übernommen und begonnen dort einen Veranstaltungsort für das Viertel zu etablieren. Wie das aber dauerhaft auf solide Füße gestellt werden kann, dazu gibt es Beratungsbedarf.

Die Studentinnen vom „Waldhaus 12“ aus Mönchengladbach hoffen auf Tipps, wie sie für ihr offenes Wohnzimmer und den großen Gemeinschaftsgarten neue Mitstreiter dauerhaft motivieren können.

Um die Gestaltung eines Dorfplatzes in Masserberg in Thüringen geht es der Initiative „Neue Mitte Schnett“. Architekturstudenten aus Berlin möchten mit einem zentralen Platz etwas für die Zukunft des schrumpfenden Dorfes tun. Über die geeignete Organisationsform der Initiative aber sind sie sich noch nicht im Klaren.

Treffpunkte:

Als Haus für die Dorfgemeinschaft möchte die „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ ein sanierungsbedürftiges Pfarrhaus im Dorf Flegessen bei Hannover nutzen. Umfangreiche Sanierungsarbeiten sind dafür nötig und die Initiative ist auf der Suche nach Fördermitteln.

Die „Nachbarschaftsfamilie Alte Post“ in Gersfeld im Landkreis Fulda befindet sich noch im Aufbau. Sie kann aber bereits einen Raum in der alten Post nutzen, noch fehlt es aber an einem konkreten Konzept für den Treffpunk und die langfristige Belebung der Immobilie.

Die Initiative Nachbarschaftliches Begleitetes Wohnen (NBW) in Essen möchte ein Mehrgenerationen-Haus bauen. Ein geeignetes Grundstück ist gefunden, aber noch wird ein passender Investor gesucht ebenso wie mögliche Förderungen des Wohnprojektes.

Zwei angehende Medizinerinnen träumen mit ihrem „Anna-Siemsen Projekt“ von einem gemeinwohlorientierten Gesundheitszentrum in Hamburg. Eine ehemalige Schule möchten sie dafür umnutzen. Noch aber gibt es nur die Idee, nun soll ein konkretes Konzept erarbeitet werden.

Auch das „Generationennetz Gelsenkirchen“ möchte einen Quartiers-Treffpunkt einrichten. Ein ehemaliges Ladenlokal im Stadtteil Schaffrath ist dafür schon ausgeguckt, aber es sind kaum eigene Mittel vorhanden. So hofft man auf geeignete Fördertöpfe.[/box]

Worldcafe, Resistenzmodell und der Spaß – das Kompetenz-Team:

In verschiedenen Arbeitsgruppen sollten zunächst gemeinsam mit den Ratgebern die drängendsten Fragen jeder Initiative auf den Punkt gebracht werden. Klingt simpel, ist es aber nicht, wie die Profis in Sachen Projekt-Management, Organisationsformen oder Kommunikations-Strategien schnell heraushörten. Finanzierungskonzept, Grundstücks-Kauf, Vereinsgründung, Fördermittel, die Unterstützung durch Stadt, Land oder Kommunen – all das wird häufig viel zu früh in den Fokus gerückt. Bevor überhaupt die Idee in der Nachbarschaft ausreichend kommuniziert ist, bevor genügend Mitstreiter vorhanden sind und die Aufgaben innerhalb der Initiative verantwortlich verteilt sind. Das kann im schlimmten Fall ein schnelles Aus für eine gute Idee bedeuten.

Die Ratgeber

Christina Weiß, erfahrene und erfolgreiche Projektmacherin aus Leipzig – erzählte, wie sich Leipziger Bürger in „Quartiers-Manager“ verwandelten und rückte zunächst mal den Faktor „Spaß“ in den Vordergrund. In einem ehrenamtlich betriebenen Projekt entwickle sich nämlich nur dann Kontinuität, wenn der Spaß an der Sache nicht zu kurz komme. Ihre einfachen und handfesten Tipps: Namensschilder für jeden Anwesenden und immer eine Kleinigkeit zu essen parat haben; so einfach sorgt man schon mal für eine gute und emphatische Stimmung.

Henning Austmann von einer Drei-Dörfer-Initiative bei Hannover warb für die Methode des „Worldcafes“. Gleich zu Beginn so viele Menschen wie möglich für die Idee zu begeistern, sei wichtig. Am Beispiel der „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ berichtete er von den ersten gemeinsamen Schritten. 120 Dorfbewohner versammelten sich da in entspannter „Küchentisch-Atmosphäre“ und es gelang in kurzer Zeit, auf gezielte Fragen zur Zukunft des Dorfes erste Antworten zu finden. „Alle, die dabei waren, hatten am Ende das Gefühl bei der Geburtsstunde einer Gemeinschafts-Idee anwesend zu sein. Jeder wollte dann mitmachen. Eine langfristig erfolgreiche Initiative nutzt immer die Intelligenz von vielen.“

Emotionale Geschichten als Werbestrategie:

Die Kommunikationsprofis Thomas und Sebastian Hebler stellten das „Resistenzmodell“ vor. Die zentrale Frage: Wen kann ich überhaupt für meine Ideen gewinnen? „Projekte vermitteln sich am effektivsten über emotionale Erlebnisse und Geschichten und nicht über langatmige Flugblätter“, so die Heblers. Hinzu kommt die professionelle Außendarstellung mit Texten, Bildern, Slogans und Layouts. Wer da schon Experten im Nachbarschafts-Team hat ist eindeutig im Vorteil.

Joachim Boll und Kerstin Asher, die im NRW-Landesprogramms „Initiative ergreifen“ insgesamt 70 Projekte professionell beraten und begleiten, informierten über die Erstellung von Business-Plänen, über Fördertöpfe und Finanzierungsmöglichkeiten. „Zu wissen, wie das eigene Projekt wirtschaftlich funktioniert, ist entscheidend. Von einem verlässlichen Wirtschaftsplan kann in Nachbarschaftsinitiativen abhängen, ob das Projekt gelingt oder doch scheitern wird“, so ihre Erfahrung.

Vielen Initiativen lagen auch Fragen zur Wirtschaftlichkeit und besonders zur Anerkennung der Gemeinnützigkeit ihres Projektes am Herzen. Welche möglichen Gesellschaftsformen überhaupt denkbar sind, wo mögliche Fallstricke liegen und ob eine gemeinnützige Initiative Geld einnehmen kann – dazu gab Wolfgang Mohr hilfreichen Input.

Die langjährige Projektmacherin Kristina Sassenscheidt vom bekannten Gängeviertel aus Hamburg ist vor allem in Sachen Projektkommunikation Profi, kennt die vielen bürokratischen Hürden von Immobilien-Übernahmen nur zu gut und konnte viel Hilfreiches aus dem mitunter aufreibenden Alltag ihres Projektes berichten.

Christian Petschke von der Solinger Beroma-Genossenschaft ist Experte in Sachen Genossenschafts-Gründung. Wann die sich anbietet, worauf dabei zu achten ist und auch wann eine Genossenschaft eben nicht die richtige Organisationsform ist, dazu hatten die Teilnehmer ausreichen Gelegenheit, sich bei ihm fortzubilden.

(Weitere Details zu den Ratgebern finden Sie hier.)

Der nächste Schritt – neue Motivationen – einige Schluß-O-Töne:

„Eigentlich war ich ja gekommen, um zu erfahren, wie ich eine Genossenschaft gründe. Jetzt weiß ich, dass uns erstmal eine Werbestrategie fehlt, mit der wir unsere Idee weiter publik machen“, sagte Marion Mohr, die in Stendal eine alte Hofanlage zu einem Dorfgemeinschaftshaus umbauen möchte.

Marie-Theres Welsch und Lisanne Knop, die beiden angehenden Ärztinnen, wollen nun zu einer Art Küchentischrunde nach Vorbild des „Worldcafes“ einladen, denn „bisher kennen wir die Nachbarschaft in Hamburg noch gar nicht und alleine können wir das unmöglich auf die Beine stellen“. Gemeinsam aber könnte ihre Vision von einem gemeinwohlorientierten Gesundheitszentrum wahr werden. Daran glauben sie ganz fest.

Einen wichtigen Rat erhielt auch Marcia Bielkine von der vom Aus bedrohten Initiative „Freiraum Peterburgs erhalten“. In ihrem Beratungsgespräch wurde schnell klar, dass sich die engagierte Gruppe nicht in einem Streit mit dem neuen Vermieter festbeißen darf. „Sucht euch neue Räume und sucht den Schulterschluss mit der Stadt. Sonst könnt ihr das langfristig vergessen.“ so brachten es die Ratgeber auf den Punkt. Ein alter Ringlok-Schuppen im Besitz der Stadt ist dafür schon ausgeguckt. Der könnte doch als Provisorium, so die Berater, vielleicht sofort genutzt werden.

Und für Studentin Julia Reinboth vom offenen Wohnzimmmer in Mönchengladach hat es „einfach gut getan andere Initiativen mit ähnlichen Projekten und Fragen kennen zu lernen und sich auszutauschen.“

Autor/en

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.


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