Illustration: Heribert SchulmeyerIllustration: Heribert Schulmeyer

Inklusion, was ist das eigentlich?

Viele reden von Inklusion. Und viele verstehen darunter, dass behinderte Kinder jetzt in normale Schulen gehen. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Im Grunde geht es darum, in unserer Welt von heute ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen. Ohne Diskriminierung, alle sollen sich wohlfühlen. Und dabei von der Vielfalt profitieren, die unser Leben heute ausmacht – in unserer Schule, unserem Stadtviertel, unserer Stadt, an jedem Ort. Die Autorin Hatice Akyün hat einmal gesagt, man könnte das Wort „Inklusion“ fast immer ersetzen: durch das Wort „Zusammenleben“.

Inklusion und Integration

Das Wort Inklusion kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Einbeziehen“: Alle Menschen gehören dazu, keiner bleibt draußen. Inklusion ist etwas anderes als Integration. Integration heißt, dass andere sich anpassen an das, was schon da ist. Inklusion heißt, dass andere etwas mitbringen – und die, die schon da sind, es annehmen, als bereichernde Perspektive. Eine Gruppe, in der alle etwas mitbringen, ist vielseitiger als eine Gruppe, in der sich alle anpassen – anpassen an das, was die Mehrheit „normal“ findet.

Was heißt denn hier „normal“?

Aber was ist schon „normal“? Und was heißt „anders“? Selbst in einer „normalen“ Schule sind alle Kinder anders. Alle Kinder haben andere Talente, Persönlichkeiten, Lernwege. Und ein Stadtviertel, das „anders“ ist, weil die Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammenkommen, ist heute längst normal. Jedenfalls normaler als ein Stadtviertel, in dem Menschen aus anderen Kulturen komplett fehlen. Das „Andere“ ist normal. Schnelle Veränderungen in unserem Umfeld sind normal. Inklusion hilft, mit der Vielfalt und der Veränderung gemeinsam klarzukommen.

Einfach und kompliziert

Aber wie geht das? Das ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach, weil jeder sofort anfangen kann. Kompliziert, weil sich größere Veränderungen von Systemen wie Kommunen, Schulen, Verwaltungen nie schnell und reibungslos vollziehen. Fangen wir mit dem Einfachen an: In der Sekunde, in der ich beginne, mich für Inklusion zu interessieren, kann ich loslegen. Zum Beispiel, indem ich überlege: Wann erlebe ich Situationen, in denen ich „nicht dazugehöre“? Wo und warum werden andere ausgeschlossen, diskriminiert, schlecht behandelt? Wie kann ich, wie können wir das ändern? Schon das Nachdenken darüber ist der Anfang – allein oder mit anderen, in meinem Projekt, meinem Verein, an meinem Arbeitsplatz etc. Dieses Hinterfragen von dem, was um mich herum passiert, ist wichtig, um die Punkte zu finden, an denen man mit Veränderungen beginnen will.

Praktische Hilfe: der „Index für Inklusion“

Ein Hilfsmittel, das heute von vielen Kommunen und Schulen genutzt wird, ist der sogenannte „Index für Inklusion“: Das ist ein Fragenkatalog, d. h. eine Sammlung von Fragen, mit denen man unterschiedliche Themen bearbeiten kann. Für Nachbarschaftsprojekte und Kommunen gibt es den kommunalen Index für Inklusion („Inklusion vor Ort“). Darin finden sich auch viele Informationen und praktische Ideen, wie man anfangen (und weitermachen) kann.

Was haben wir davon?

Veränderungen sind anstrengend und brauchen Zeit. Wer weiß, ob das der richtige Weg ist? Das kann niemand hundertprozentig wissen. Aber wir wissen, was der falsche Weg ist. Den kennen wir nämlich sehr gut: Viele Menschen auszuschließen, vielen Menschen keine Chance zu geben, viele Kinder bereits früh von Bildungswegen auszugrenzen – all das ist die Realität, die wir kennen. Und wir sehen: So funktioniert’s jedenfalls nicht.

Deshalb lohnt es sich, mitzumachen und Veränderungen zu wagen. Gelingt es einer Gemeinschaft, die in ihr vorhandenen Formen von Vielfalt zu sehen und zu nutzen, wird sie erfahrener und kompetenter. Sicherheit und Lebensqualität – für alle – werden erhöht. Die Identifikation und das Engagement der Menschen für ihren Lebensort nehmen zu. Wenn wir Inklusion durch Zusammenleben ersetzen – wer hätte dann etwas dagegen?

Autor/en

Foto: Katrin Schüring

Caroline Eckmann ist Redakteurin und Projektleiterin bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft sowie Mitautorin des Buches „Inklusion vor Ort“.


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