Foto: HauptwegNebenwege/Susanne Küppers

Foto: HauptwegNebenwege/Susanne Küppers

Grüne Oasen hinter brüchigen Fassaden

Schon zum neunten Mal hatte nun das Nachbarschafts-Projekt „Tag der offenen Hinterhöfe“ in Hagen-Wehringhausen zum Quartiersbesuch eingeladen. Viele Wehringhausener engagieren sich für ihren Stadtteil. Und das ist gut so, denn das Quartier kann jede Hilfe brauchen.

Mit Vogelgezwitscher vom Band begrüßt Helmut Schreiber seine Gäste schon im Treppenhaus und lotst sie so hinters Haus. Da erlebt der Besucher zwar kein blaues, aber doch ein grünes Wunder. Das hätte man hinter der Adresse Augustastraße 45 in Hagen-Wehringhausen nun nicht vermutet. „Es ist ein Paradebeispiel dafür, was man aus einem schmuddeligen Hinterhof, in dem früher nur die Mülleimer standen, so alles machen kann.“ Silke Pfeifer von der Nachbarschafts-Initiative „Tag der offenen Hinterhöfe“  freut sich jedes Mal, wenn sie fremde Menschen in den hübsch bepflanzten kleinen Hinterhofgarten mit seinen blühenden Rosen-, Kräuter- und Staudenbeeten führt.

Der Putz bröckelt, Wohnungen stehen leer

Der Blick auf die Fassade allerdings dämpft ihre Freude. Wie viele der alten, einstmals oft prächtigen Gründerzeithäuser rund um die Augustastraße ist auch das Haus, in dem Herr Schreiber parterre zur Miete wohnt, in keinem guten Zustand. Der Putz bröckelt, der letzte Anstrich ist wohl Jahrzehnte her, die Wohnungen sanierungsbedürftig. Rund um die Baumscheiben vorm Haus liegt Müll und Hundekot. Viele Wohnungen stehen leer, auf Schildern in den Fenstern werden sie zum Verkauf oder zur Miete angeboten.

„Wehringhausen – Augen zu und durch“ so hören es die, die hier leben, oft. „Daran wollen wir etwas ändern“, sagt die engagierte Wehringhausenerin Pfeifer mit Nachdruck. Schon zum 9. Mal pilgerten nun hunderte Besucher durch die von den Bewohnern – meist sind es Mieter – in Eigeninitiative liebevoll verschönerten Alltagsoasen des Quartiers. „Bei uns im Hof brüten jetzt sogar die Vögel. Ist das nicht schön.“ Mit drei Pflanzen hat Sarah Stenzel vor einigen Jahren in ihrem Hinterhof auf der Sternstraße angefangen. Inzwischen verwandeln dreihundert Kübel plus Teich das einstmals schmuddelige Fleckchen in einen grünen Dschungel. Nachbarn sind hier zu Freunden geworden, gemeinsam wird gegrillt, gefeiert und natürlich gegärtnert.

Nachbarn übernehmen Eigenverantwortung für den Raum

Sogar aus Berlin reisten diesmal Neugierige an, um das erfolgreiche Nachbarschafts-Projekt kennen zu lernen. Mit sechs begrünten Hinterhöfen geht es los. Heute beteiligen sich schon 32 Adressen im Stadtteil an der Aktion. „Da entsteht ganz viel unter den Nachbarn. In erster Linie geht es ja auch nicht ums Gärtnern, sondern um die Eigenverantwortung für den Raum und den Kontakt untereinander“, betont Pfeifer.

Hagen-Wehringhausen: Die Sängerin Nena kommt vorn hier – auch die Band Extrabreit. Die schillerndsten Zeiten der 80ziger und 90ziger Jahre sind sicher vorbei. Aber noch immer ist die Kunst- und Kreativszene neben einer aktiven Händlerschaft in diesem Quartier rund um den zentralen Wilhelmsplatz sehr präsent. Es gibt das Kulturzentrum Pelmke, Galerien, einen alternativen Buchladen, sogar veganes Essen auf der Speisekarte einer Pizzeria und einen bargeldlosen Tauschladen. Aber es gibt auch eine hohe Arbeitslosigkeit und eine große Zahl heruntergekommener Häuser. Mehr als jeder dritte der insgesamt 11.000 Stadtteilbewohner hat seine Wurzeln im Ausland. In den letzten Jahren sind viele arme Menschen aus Rumänien und Bulgarien hinzugezogen. Da ist das Zusammenleben oft eine Herausforderung.

Wehringhausen neu im Programm „Soziale Stadt“

Wehringhausen ist ein Quartier, das Hilfe dringend braucht. So sieht es auch der Bund und hat das Viertel seit Mai 2014 in das Förderprogramm „Soziale Stadt“  aufgenommen. Immerhin 2,7 Millionen Euro öffentlicher Mittel sollen in den nächsten Jahren in den Stadtteil fließen. Im neuen Stadtteilladen auf der Lange Straße können sich die Wehringhausener über die anstehenden Sanierungs- Projekte informieren. „Die Bewohner können bei uns aber auch selber Vorschläge machen und Nachbarschafts-Initiativen gründen. Gute Ideen werden auch finanziell unterstützt “, erklärt Quartiers-Manager Martin Vöcks.

„Liebenswertes Wehringhausen“ etwa nennt sich ein neues Projekt. An vielen Häusern macht ein blaues Schild mit dem langen Wort „Wehringhausenistsauberschöner“ schon darauf aufmerksam. Die Initiative hat bereits Automaten mit Plastikbeuteln für Hundekot aufgestellt, wirbt mit Plakaten für mehr Ordnung und sammelt bei regelmäßigen Kehraktionen gemeinsam Müll in den Straßen auf.

Fest steht: Viele Wehringhausener sind bereit, aktiv selber dabei zu helfen, das Quartier zu verschönern und zu beleben.

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.