Foto: Mustafa Tazeoglu

Foto: Mustafa Tazeoglu

Auf ein Wort – Mustafa Tazeoglu im Interview

Mustafa Tazeoglu studierte Volkswirtschaft und Französisch und ist Mitbegründer von Urban Rhizome – Agentur für Stadt|Kultur|Ökonomie in Duisburg-Marxloh. Zwischen 2007 und 2010 gehörte er zum Kollektiv des Medien-Bunkers Marxloh. 2009 wurde er als einer von hundert herausragenden europäischen Talenten für seine innovativen Ideen zum Thema “urban creativity” vom Ausschuss der Regionen der Europäischen Union in Brüssel ausgezeichnet. 2013 war er einer der Juroren beim Preis Neue Nachbarschaft.

Was bedeutet Nachbarschaft für Sie?

[quote]Nachbarschaft ist ein unausgesprochener Vertrag zwischen Menschen, die sich einen bestimmten Raum oder Ort teilen. Sie ist geprägt von Freiheit und Freiwilligkeit, aber dennoch etwas ganz Intimes. Im Idealfall hat man immer jemanden, zu dem man gehen kann, wenn man will, aber man muss es nicht. Eine gute Nachbarschaft verändert die Beziehungen der Menschen untereinander, und das hat man auch gesehen. Ich selber habe sehr gute Nachbarn, ich wohne in einem türkischen Kiez. Ich werde bekocht und ich bekoche meine Nachbarn, wir tauschen uns aus, helfen und unterstützen uns. Eine gute Nachbarschaft ist Gold wert.[/quote]

Was kann Nachbarschaft Ihrer Meinung nach leisten?

[quote]Wer sich in seiner Nachbarschaft gemeinsam mit den Nachbarn engagiert, verbessert die Wohnqualität und den Wohlfühl-Faktor. Je mehr ich mich mit den anderen vernetze, desto mehr schaffe ich ein gesellschaftliches Leben. Das ist auch manchmal das Problem in anonymen Großstadtvierteln. Da kann man untertauchen und nicht auffallen. Aber das ist ja eigentlich das letzte, was ein Mensch will. Der Mensch möchte sich spüren. Und das passiert in der Familie, aber auch in der Nachbarschaft. [/quote]

Welche Erkenntnisse haben Sie aus Ihrer Arbeit als Juror gezogen?

[quote]In einer Zeit, in der der Staat immer weniger soziale Sicherheit bietet, ändert sich auch die Bedeutung der Nachbarschaft. Sie wird immer mehr zur einzigen festen Struktur im Leben der Menschen, wenn sie denn funktioniert. Aufgrund der Hektik und Schnelllebigkeit unserer Zeit, in der die Arbeitsverhältnisse sehr unsicher sind und Familien oft weit versprengt leben, spielen Nachbarn eine wichtige Rolle.[/quote]

Welchen Nutzen hat nachbarschaftliches Engagement für das Gemeinwesen?

[quote]Zum Beispiel, anstehende Aufgaben gemeinsam anzugehen und zu schultern und neue Handlungskonzepte zu entwickeln. Stichwort „interdisziplinäre Stadt“. Die Städte, Länder und Kommunen sind natürlich viel statischer als die Menschen. Darum sind solche Projekte wichtig, denn sie helfen beim Querdenken, helfen neue Lösungen zu finden. Aber dafür müssen die Kommunen das Engagement ihrer Bürger ernst nehmen, im Türkischen sagt man „mit einem Käuferauge“ betrachten.[/quote]

Was ist Ihnen vom Preis Neue Nachbarschaft besonders in Erinnerung geblieben?

[quote]Überrascht hat mich, wie wichtig vielen Menschen eine gute Nachbarschaft ist. Und wie viel sie ihnen wert ist. Es gab Projekte, wo die Leute selber viele Tausend Euro rein gesteckt haben oder privat Kredite aufgenommen haben, um einen gemeinsamen Gedanken, eine gemeinsame Idee zu verwirklichen. Die Risikobereitschaft der Menschen und ihre Bereitschaft, soviel Zeit, Kraft und Geld zu investieren, hat mich tief beeindruckt.[/quote]

Autor/en

avatar

Marcus Paul Marcus Paul (* 1980) war von 2009-2016 Mitarbeiter der Montag Stiftung Urbane Räume. Nun ist er bei Startklar! Projektkommunikation und kümmert sich um Projekte im Landesprogramm "Initiative ergreifen". Seit 2015 baut er in Halle (Saale) ein neues Projekt im Programm "Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung" auf. 2012-2015 verantwortete er die Entwicklung des Programms Neue Nachbarschaft. Marcus Paul studierte Architektur/Städtebau und Elektrotechnik an der RWTH Aachen. Nach seinem Studium arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros in Aachen und Köln.