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Nachbarschaftsgärten e.V. – eine Insel auf Zeit?

Der Nachbarschaftsgärten e.V. ist eine Insel auf Zeit im Leipziger Stadtteil Lindenau, Mitten im Leipziger Westen, dort wo Beton gerade zu Gold gemacht wird. Möglich ist sie nur, weil die Stadt, Immobilieneigentümer und die engagierten Bürgerinnen und Bürger eng zusammenarbeiten.

Tino Neufert trifft uns auf der Terrasse der Fahrradselbsthilfewerkstatt im Nachbarschaftsgarten e.V. Seit 2005 ist er dabei und hat einiges zur Entstehungsgeschichte zur erzählen. 2004, als die Häuser der Josephstraße größtenteils leer standen, wurde die Brache auf Initiative des Lindenauer Stadtteilvereins und mit großer Unterstützung der Stadt urbar gemacht. „Damals wollten alle eine Aufwertung, klarer Fall“ beschreibt Neufert.

Alles sieht ein wenig anarchisch aus und genügt sicher nicht den Ansprüchen einer Landesgartenschau. Vorgaben gibt es kaum, Entscheidungen werden demokratisch gefällt. Das war nicht immer so. Als der Garten zu Anfang immer und in alle Richtungen offen war, wuchs die Anzahl der Nutzer auf über 150. „Das war dann schon ein Problem mit der Anonymität.“ Beschreibt Neufert die damalige Situation. „Dann mussten wir irgendwie zuordnen, wer dabei ist und wer nicht.“ Die Gärtner etablierten Öffnungszeiten, entwickelten Hierarchien. Dann gab es eine kleine Rolle rückwärts und man hat sich wieder der entspannten Wurzeln besonnen.

40 € Nasengeld zahlen die Gärtner im Jahr. Weiteres Geld kam projektbezogen durch Stiftungen wie die Anstiftung Ertomis (die auch AnnaLinde ca. 500m weiter unterstützt) oder EU-Fördermittel. In den Nachbarschaftsgärten treffen sich insgesamt ca. 120 Erwachsene Nutzer und rund 50 Kinder. Hasen werden gefüttert (und nicht mehr geschlachtet), kleine Gärten angelegt, der nahegelegene Kindergarten nutzt die Fläche mit. Eine Fahrrad- und eine Holzwerkstatt werden von Könnern ihres Fachs in Eigenverantwortung geöffnet. „Das hier ist halt so ein Raum in dem man alles ausprobieren und sich austoben kann. Da schleppt einer ein Holzpiratenschiff an, irgendeiner baut es auf und ein anderer baut einen Steg an“. Sagt Tino Neufert. „Wir hatten auch mal Minischweine hier. Wir sind der einzige zugelassene Schweinemastbetrieb im Leipziger Stadtgebiet.“

Das Areal der Nachbarschaftsgärten gehört fünf verschiedenen Eigentümern. Darunter ein Schweizer Fonds, die Stadt Leipzig und private Eigentümer. Das Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung brachte sie mit dem Lindenauer Stadtteilverein zusammen und entwickelte einen Zwischennutzungsvertrag. Dass sich die Grundstücke jemals wirtschaftlich entwickeln ließen, ahnte damals noch niemand.

Heute sieht die Situation freilich anders aus. Lindenau ist teuer geworden und die Begehrlichkeiten auf die Grundstücke sind formuliert. Ob die Verträge wieder verlängert werden, ist unklar. Dennoch ist kaufen keine Alternative für die Gärtner. „Wir wollen die Nachbarschaftsgärten verstetigen, aber keine Eigentümer werden,“ sagt Neufert, „weil dann sind wir ein privater Schrebergartenclub. Das wollen wir nicht.“ Und weiter: „Mit den unterschiedlichsten Interessenvertretern in Kontakt kommen, reden und zusammen mögliche Lösungen erarbeiten, die von allen Seiten getragen werden, das ist unser Arbeitsansatz. Und da bleiben wir auch dran, denn so einen Ort, wie die Gärten hier, findet man ansonsten bald nicht mehr im Leipziger Westen“.

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Marcus Paul vom Team Neue Nachbarschaft der Montag Stiftung Urbane Räume.

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Frauke Burgdorff Team Neue Nachbarschaft der Montag Stiftung Urbane Räume. Frauke Burgdorff (* 1970) ist seit 2006 Vorstand der Montag Stiftung Urbane Räume, die sich vor allem in Themen der Quartiersentwicklung und des Bildungsbaus engagiert. Sie hat Raumplanung in Kaiserslautern und Dortmund studiert, anschließend in Antwerpen, Gelsenkirchen und Aachen als Stadtplanerin, Stadtforscherin und Geschäftsführerin der Initiative StadtBauKultur NRW gearbeitet. Sie hat zahlreiche Schriften zu Themen der Quartiers- und Stadtentwicklung verfasst und Bücher herausgegeben.


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