Foto: WohnBund-Beratung-NRW / Rolf MartinFoto: WohnBund-Beratung-NRW / Rolf Martin

Vom mühsamen, aber lohnenden Weg zur eigenen Immobilie

Alternative Wohnprojekte können ein „sozialer Anker“ für einen ganzen Stadtteil sein – Bericht vom Wohnprojektetag NRW, an dem über 40 geplante und bestehende Wohnprojekte teilnahmen.

Nicola Fels vom Verein „Bienenstock e.V.“ treibt diese Idee um: In einem großen, leerstehenden, alten Gebäude in Krefeld möchte die Kinderärtzin mit einigen anderen Mitstreitern ein Mehrgenerationhaus mit angeschlossener Kindertagesstätte auf den Weg bringen. Noch aber sind unzählige Fragen zu klären. „Wir stehen mit unserer Quartiers-Idee noch ganz am Anfang. Wir brauchen eine Genehmigung von der Stadt und klar, natürlich vor allem Geld.“ Mehr Klarheit im Behördendschungel, Tipps über Finanzierungs-Möglichkeiten, Rechtsberatung und Unterstützung durch Fachleute; all das erhoffte sich nicht nur Frau Fest vom Wohnprojektetag NRW, zu dem die Stiftung trias und die WohnBund-Beratung NRW in den Gelsenkirchener Wissenschaftspark eingeladen hatten.

Das Thema:  „Gebäude und Liegenschaften für gemeinschaftliches Wohnen“

Mitstreiter und Mitstreiterinnen von über 40 Wohnprojekten aus ganz NRW waren gekommen, um sich mit Referenten von Kommunen, Land, Banken, Investoren und Beratungsstellen über das recht sperrig klingende Thema „Gebäude und Liegenschaften für gemeinschaftliche Wohnprojekte“ auszutauschen – natürlich mit dem Ziel, der Verwirklichung ihres jeweiligen Wohntraums einen Schritt näher zu kommen. Denn diesen Wunsch haben offenbar immer mehr Menschen: Gemeinsam mit Freunden unterschiedlichster Herkunft in eigens dafür gebauten oder sanierten Häusern leben, über Altersgrenzen hinweg, barrierefrei und mit starken Engagement für die Nachbarschaft und das ganze Quartier.

Am zunehmenden Interesse an alternativen Wohnformen kommen auch die Kommunen nicht mehr vorbei. „Wir werden überrannt mit Anfragen von Bau-Gruppen, die Grundstücke suchen“, berichtete etwa Ingbert Ridder vom Liegenschaftsamt der Stadt Bochum. An finanzielle Unterstützung sei in Zeiten leerer öffentlicher Kassen zwar nicht zu denken, betonte Jens Hendrix, Stadtbaurat der Stadt Hattingen. „Aber die Kommunen können helfen, Grundstücke zu suchen, und die Projektmacher durch den Behördendschungel lotsen.“ Wohnprojekte überzeugten oft durch eine „qualitätsorientierte Architektur“, könnten ein „sozialer Anker“ für einen Stadtteil sein und würden „Qualitäten schafffen, die auch in schwierigen Quartieren wirken“, lobte Hendrix.

Wenn Welten aufeinanderprallen…

Bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück fangen die Probleme allerdings meist an. „Oft prallen da Welten aufeinander: Die Projektmacher mit ihren sozialen Ideen sind oft Künstler, Sozialarbeiter, Therapeuten und sitzen dann jemandem aus einer anderen Lebenswelt gegenüber – den Grundstückseigentümern, Investoren, Bankmitarbeitern oder den Vertretern der Kommunen.“  Rolf Novy-Huy von der Stiftung trias spricht aus Erfahrung. Die Stiftung erwirbt selber gezielt Grundstücke und vermittelt sie häufig im Erbaurecht an gemeinschaftliche Wohnprojekte. Es sei nötig, den Blick von beiden Seiten auf das Thema zu richten. Es gehe nicht nur um Such-Strategien für ein Grundstück, sondern auch um Vermittlung zwischen Ämtern, Geldgebern und Projektmachern.

Von einem „sehr positiven Zusammenspiel mit der Stadt“ erzählte Heike Müller. Die Vorstandsfrau der Initiative „Haus Coerde eG“ ist vor Kurzem in einem ehemaligen, unter Denkmalschutz stehenden Bauhof der Stadt Münster eingezogen. Ein „Versuchsballon“ sei das gewesen, so Referent Ralf Riedel vom dortigen Amt für Immobilienmanagment. Mit einer offenen Ausschreibung hat die Stadt für den 3000 Quadratmeter großen städtischen Gebäudekomplex Neuland beschritten. Nicht der Meistbietende, sondern derjenige mit dem schlüssigsten Konzept sollte den Zuschlag bekommen. Vier Baugruppen bewarben sich, die Initiative „Haus Coerde eG“ erhielt schließlich den Zuschlag. Die GLS-Bank (GLS – Gemeinschaft für Leihen und Schenken) in Bochum erteilte hier den Kredit. Ein aufwendiges Verfahren. Drei Jahre zog es sich hin. „Das war wohl für beide Seiten Gründerzeit,“ scherzte Heike Müller, „in der Rückschau weiß man nicht mehr, wo man die Kraft hergenommen hat.“ Aber der Kraftakt hat sich gelohnrt: Die neun Wohnungen unterschiedlichster Größe sind inzwischen alle bezogen.

Das Vorzeige-Wohnprojekt „Auf dem Hangeney“ in Dortmund

Wie ein einzelnes Gemeinschafts-Wohnprojekt auch einem ganzen Stadtteil zu Gute kommen kann, zeigt ein anderes Beispiel. Vom einem intensiven nachbarschaftlichen Zusammenleben im Mehrgenerationen-Projekt „Wohnen auf dem Hangeney“ berichtete Elke Beißner vom Dortmunder Amt für Wohnungswesen. „Auf dem Hangeney“ im Stadtteil Kirchlinde leben seit 2008 knapp 100 Menschen aller Alterstufen aus 15 verschiedenen Nationen zusammen. Dafür wurde ein ehemaliges Gemeindehaus komplett umgebaut – mit Gruppen-Wohnungen für Senioren, Gemeinschaftsräumen und Wohnungen für Familien und Alleinstehende. Ein Mehrgenerationen-Projekt, das die WohnBund-Beratung NRW damals begleitet hat. Ein privater Investor baute, das Land förderte. „Die Stadt Dortmund ist da neue Wege gegangen“, sagte Beißner und hob besonders hervor, dass diese Gemeinschaft heute Ausstrahlung ins ganze Quartier hat. Einmal in der Woche kommen die Nachbarn zum gemeinsamen Frühstück. Regelmäßig besuchen die Kinder aus der Nachbarschaft die Senioren. Man kenne sich gut untereinander. Fluktuation gäbe es so gut wie keine.

Ohne Moos nix los – Eigenkapital und Finanzierung

Für jedes Wohnprojekt spielt natürlich das Thema Geld eine entscheidende Rolle. In der Regel müssen 25 bis 30 Prozent eigenes Kapital aufgebracht werden, um die Finanzierung einer Immobilie auf die Beine zu stellen. Die seien aber bei kaum keiner Initiative zu Beginn vorhanden, beschrieb Hans-Peter Frinken von der NRW-Bank die wirtschaftlichen Verhältnisse vieler junger Wohn-Projekte. Die NRW-Bank ist eine Förderbank des Landes, bei der sich zwei Mitarbeiter nur auf die Beratung und Begleitung von Wohn-Projekten spezialisiert haben.  Ein ähnliches Angebot macht auch die paritätische Geldberatung des paritätischen Wohlfahrtsverbandes, die für Initiativen ein „Finanzierungs-Puzzle“ erstellt, wie Bärbel Röttge von der paritätischen Geldberatung erläuterte. Ihre Beratungsstelle fördert Wohnprojekte mit Gemeinschaftsflächen und nachbarschaftlichem Engagement und sie vermittelt den Zugang zu Fördergeldern und Stiftungen.

Fehlendes Eigenkapital ist oft der größte Stolperstein – muss aber nicht das Scheitern bedeuten, wie die Teilnehmer des Projekttages erfuhren. „Ohne Eigenkapital geht es nicht, auch wir können nur Kredite zu marktüblichen Konditionen geben, langfristig muss sich jede Immobilie selber tragen“, stellte zwar Benedikt Altrogge von der ethisch-ökologisch ausgerichteten GLS-Bank aus Bochum zu Beginn einer Talkrunde mit potentiellen Geldgebern klar. Und Geld zu verschenken, hat die GLS-Bank auch nicht, aber sie hat unkonventionelle Finanzierungs-Ideen. Die Vorfinanzierung durch Spenden etwa, Stichwort „Leihgemeinschaft“. Wer sich bei der GLS-Bank vertraglich bereit erklärt mit einem monatlichen Betrag von zum Beispiel 50 Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren ein Projekt zu unterstützten, der kann mit diesen insgesamt 3000 Euro einer Leihgemeinschaft im Sinne einer Solidargemeinschaft beitreten. Jeder für sich kann dann einen Kleinkredit bei der GLS-Bank beantragen. Alle Beträge werden gebündelt und dem Projekt kann der gesamte Betrag schon zu Beginn ausgezahlt werden.

Wichtig für ein erfolgreiches Gelingen sei außerdem, so Altrogge weiter, dass in der Gründungsphase starke Personen in den Initiativen benötigt würden und das kompetente Begleiter – wie die Stifutng trias oder die WohnBund-Beratung – mit im Boot seien. In puncto Eigenleistung seien natürlich auch der Architekt, der Handwerker oder der Ingenieur, der selber zur Initiative gehört, von unschlagbarem Wert.

Land will  Grundstücksliste veröffentlichen

Besonders hellhörig wurden die Teilnehmer noch einmal am Schluß der Veranstaltung als Kay Noell vom Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtenwicklung und Verkehr NRW ankündigte, dass das Land demnächst eine Liste aller zum Verkauf stehenden Grundstücke des Landes veröffentlichen will. Auch Baugruppen sollen sich melden, explizit wolle man auch förderwürdige Wohnprojekte berücksichtigten, so Noell.

Kinderärztin Nicola Fels jedenfalls war am Ende des Tages hoch zufrieden mit den vielen Anregungen und neuen Kontakten. Aber ihr ist auch klar geworden, dass noch ein langer Weg bis zur Realisierung ihrer Wohnprojekt-Idee in Krefeld zu beschreiten ist. „Wir benötigen auf jeden Fall eine kompetente Begleitung.“

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.


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