Foto: HauptwegNebenwege/JS

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Keine Angst vor Immobilien: Mit „Lust und Energie“ einen Raum für die Nachbarschaft geschaffen

„Was? Du ziehst nach Kalk, warum das denn?“ Selma Scheele, Sandra Jasper und Liliana Gnap kennen alle die Frage, die Freunde vor dem Umzug gestellt haben. Sie lachen heute darüber.

Die Theaterpädagogin mit türkischen Wurzeln (32), die Kunst-Managerin (27) und die Studentin (26) wohnen noch nicht sehr lange in dem Kölner Stadtteil auf der rechten Rheinseite – der „Schäl Sick“, wie der Kölner sagt, der „falschen Seite“. Platz genommen haben die drei jungen Frauen auf einem großen, grünen Sofa in ihrem „zweiten Wohnzimmer“: Im „Raum – ganz schön kalk“ an der Kalk-Mülheimer-Straße 61.

Hier haben sich die drei auch kennengelernt. Früher wurden in dem ehemaligen Ladenlokal Fahrräder verkauft, heute trifft sich hier die Nachbarschaft. Wettbüros, Ein-Euro-Shops, Discounter, Kioske und türkische Imbisse sind gleich nebenan. Man ist mitten drin im internationalen Kosmos Kalk. Ein Stadtteil, der nicht gerade den Ruf eines schicken, frisch renovierten Trend-Viertels für Akademiker genießt. Durch die riesigen Schaufenster wirkt der Laden von draußen wie ein alternatives Cafe, aber der „Raum“ ist viel mehr. Er ist der Beweis, dass vieles möglich ist, wenn man sich nur traut: Ein offener, nicht-kommerzieller Treffpunkt, betrieben von Nachbarn für Nachbarn – von Menschen wie Selma, Sandra und Liliana, die ihr Viertel selbst attraktiver machen wollen. Hergezogen sind sie erstmal schlicht und einfach, weil jede hier eine überhaupt bezahlbare Wohnung gefunden hat. Aber eins wissen sie schon: Sie wollen bleiben. Gemeinsam mit inzwischen schon 60 anderen – neuzugezogenen und alteingesessenen – Bewohnern des Stadtteils gehören sie zum Verein „Kalk für alle“.

„Auf keinen Fall wollten wir ein Ufo hier landen lassen“

Vor knapp einem Jahr hat der neue Verein das 200 Quadratmeter große Ladenlokal mit Hinterhof und Keller übernommen. Mit Fördergeldern war es zuvor angemietet worden, um ein Filmprojekt über das Viertel in Gang zu bringen. Der Film ist längst fertig, kommt sogar bald in die Programm-Kinos. Den neuen, zentral gelegenen Treffpunkt aber wollte man nicht wieder aufgeben. „Wir hatten einfach Lust und Energie und den Wunsch, hier dauerhaft was für die Nachbarschaft auf die Beine zu stellen“, beschreibt Sandra die Motivation. Selma ergänzt: „Auf keinen Fall aber wollten wir ein Ufo hier landen lassen nur für hippe Leute.“ Der Vermieter war einverstanden, nun aber musste die Finanzierung gestemmt werden. Immerhin 1200 Euro Miete plus die Kosten für Heizung, Strom und Wasser; all das muss nun jeden Monat erwirtschaftet werden. Hinzu kommt natürlich die ganze Organisation: Das Programm will geplant und alle Termine und Anfragen koordiniert werden. Putz-, Einkaufs- und Thekendienste stehen wöchentlich an. Buchhaltung und Steuern müssen erledigt werden. Alles ehrenamtlich, versteht sich. „Nicht immer einfach“, gibt Sandra zu, „aber wir haben die Verantwortung übernommen, diesen Raum mit Leben zu füllen und das macht vor allem Spaß.“ Und es gelingt immer besser. Sogar für die leidige Buchhaltung hat sich jetzt ein kompetenter Freiwilliger gefunden.

Willkommen im „Raum – ganz schön kalk“ ist jeder

Obwohl es Vormittag ist und mitten in der Woche, ist in dem Raum mit seinem bunten Möbelmix aus gespendeten Tischen, Stühlen, Regalen, Sofas und Sesseln einiges los. Eine Malgruppe belegt mit ihren Staffeleien den hinteren Teil, in der Mitte bespaßt eine junge Mutter in der Spielecke ihr kleines Kind. Immer wieder schauen Passanten verschiedenster Nationen herein. Sie stöbern in den Flohmarkt-Regalen, in denen Klamotten und anderes verschenkt werden. Oder sie schauen sich die Bilder der Ausstellung an, die gerade gezeigt wird. Yogakurse, Lesungen, Workshops, kleine Konzerte oder eine Vernissage stehen hier jeden Monat auf dem Programm; alles Angebote von Anwohnern für Anwohner. Manche haben sogar schon Kultstatus über Kalk hinaus, der Poetry Slam etwa. „Dann ist der Laden hier echt rappelvoll und kein Stuhl mehr frei“, sagt Sportstudentin Liliana nicht ohne Stolz. Ständig entstehen auch neue, manchmal zufällige Kontakte. Als Liliana kürzlich die großen Schaufenster putzte, kamen spontan zwei türkische Frauen von gegenüber und haben einfach mitgeholfen. „Ist doch irre, oder?“ findet Liliana. Willkommen im „Raum – ganz schön kalk“ ist jeder. Egal, ob Vereinsmitglied oder nicht. Einfach nur zum Plaudern, Kaffeetrinken, lesen oder auf ein Kölsch kann man kommen – und natürlich auch, um selber etwas anzubieten. Im Team wird immer mittwochs jede neue Anfrage besprochen. „Es sollte unpolitisch sein, nichts Extremes, keine Werbung, nichts Kommerzielles. Wir entscheiden da aber auch nach Gefühl und nicht nach festen Regeln. Es geht uns ja ums Miteinander“, sagt Selma. Wer mit seinen Veranstaltungen aber Geld verdient, der soll sich anteilig auch an den fixen Kosten für den Treffpunkt beteiligen. Denn Getränke, Kuchen oder Schokoriegel müssen bezahlt werden. „Wir sind keine Sozialstation und als Dienstleister verstehen wir uns auch nicht. Wer herkommt und Wünsche hat, soll selbst aktiv werden.“ So lautet der Grundsatz.

„Es macht Spaß und ich kann nur sagen: Traut euch“

Sicher sind sich Sandra, Selma und Liliana aber heute schon, dass der Raum „das Potential hat langfristig im Viertel Fuß zu fassen“. Mehr Know-How etwa über kulturelle Fördermöglichkeiten, mehr Öffentlichkeitsarbeit, eine bessere Vernetzung mit anderen Initiativen; all das steht auf der Wunschliste für die Zukunft. Und Sandra möchte auch anderen Mut machen: „Wenn wir gewusst hätten, was da alles auf uns zukommt, hätten wir es uns vielleicht nicht zugetraut. Aber es funktioniert, es macht Spaß und ich kann nur sagen: Traut euch!!!“ Mehr zum „Raum ganz schön kalk“ finden Sie auf Facebook.

Autor/en

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.