Foto: HauptwegNebenwege/EE

Foto: HauptwegNebenwege/EE

Ideenwerkstatt Dorfzukunft

Ein bisschen Bullerbü in Süd-Niedersachsen – Menschen aus drei Dörfern in der Nähe von Hannover machen sich gemeinsam stark für mehr Lebensfreude auf dem Land und für eine langfristig gesicherte und ökologisch orientierte Zukunft ihrer Heimat.

Flegessen, Hasperde, Klein-Süntel – Das Begrüßungskommando spitzt schon neugierig die Ohren und ein Apfel ist da praktisch, um sich gleich ein wenig beliebt zu machen. Wer vom Süntel aus nach Flegessen spaziert wird als Erstes von Snorre, Wickie und Frau Einstein begrüßt. Die drei hübschen, gepflegten Esel der Familie Brandes haben ihre Wiese gleich neben einem großen Sanddornfeld. Von da stammen auch die Früchte der beliebten Dorf-Torte, die Inse Brandes in ihrem Hofcafé den Wanderern gern serviert.

Flegessen: Ein Dorf in Niedersachen unterhalb des 350 Meter hohen Süntelberges mit viel frisch renoviertem Fachwerk, sehr wenig Verkehr, hübschen Gärten mit Schaukeln und Sandkästen, einem Bäcker, einem Metzger, einem Getränkemarkt, einer Filiale der Volksbank, Grundschule, Kindergarten und 900 Bewohnern. Drei Landwirte und mehrere selbständige Handwerksbetriebe gibt es im Ort. Die meisten Flegessener aber fahren zur Arbeit nach Hameln, Bad Münder oder ins 30 Minuten entfernte Hannover.

Beschauliche Dorfidylle trifft es ziemlich genau. Dass hier auch »der Hund begraben ist«, eher nicht. Seit über einem Jahr macht der Verein »Ideenwerkstatt Dorfzukunft« nämlich einiges los, und das gemeinsam mit Bewohnern der kleineren Nachbardörfer Hasperde und Klein-Süntel. Anderswo verlassen die Menschen die Dörfer – Landflucht eben. Alleine in Flegessen sind im letzten Jahr aber 29 neue Bewohner hergezogen.

Die Orte Flegessen, Hasperde und Klein-Sünteln

»Kommen Sie in die Küche und essen Sie einen Teller Suppe mit.« Henning Austmann ist einer der Gründer der rührigen Dorf-Initiative. Er kommt gerade von der Hochschule in Hannover. Dort lehrt und forscht der ehemalige Entwicklungshelfer zu den Themen »Nachhaltigkeit und Internationales Management«. Erst 2012 ist er nach längerem Aufenthalt in Namibia und Studium in Deutschland und den USA mit Ehefrau Jasmin und den Kindern Hannes (3), Frieda (6) und Julius (7) in die ehemalige Klosterschänke – »das älteste Fachwerkhaus der ganzen Region« – nach Flegessen gezogen. Und weil der erst 36-jährige Professor heute schon weiß, »dass ich mit den Menschen, die hier leben, alt werden möchte«, investiert er derzeit zusammen mit knapp 75 anderen Dorfbewohnern sehr viel Freizeit, um die Zukunft seiner neuen Heimat zu sichern. »Wer Ruhe und Gemeinschaft sucht, der ist hier genau richtig«, findet Austmann, der beides schon gefunden hat.

Die drohende Schließung der Grundschule im Dorf brachte 2012 einiges in Bewegung und holte vor allem viele protestierende Eltern aus Flegessen, aber auch Hasperde und Klein-Süntel zusammen an einen Tisch. Die Sache mit der Schule ist mittlerweile erledigt – sie bleibt. Doch der erfolgreiche Protest hat viel mehr in puncto neue Nachbarschaft ins Rollen gebracht. »Im Nachhinein hat sich diese Bedrohung als förderlich für das nun gewachsene Gemeinschaftsgefühl erwiesen«, sagt Austmann rückblickend.

»Dorfladen – Hasperde, Flegessen, Klein Süntel – Ich bin dabei« steht groß auf dem T-Shirt, das Beatrix Nehmann trägt. »Unsere Dörfer sind viel enger zusammengewachsen, seit es die Ideenwerkstatt gibt«, erzählt die frisch gewählte Vereinsvorsitzende, während sie im Pfarrheim den winzigen Raum zu den »Süntelkörnern« öffnet. Dahinter verbirgt sich eine Einkaufsgemeinschaft für Bio-Produkte und regionale Waren mit 40 Mitgliedern. Jeder hat einen Schlüssel und kann einkaufen, wann immer er mag. Frische Sachen werden wöchentlich neu bestellt. Das Angebot ist überschaubar, aber besser als nichts, denn der nächste Supermarkt ist zehn Kilometer entfernt.

Vielleicht aber nicht mehr lange. Denn genau dieser auf dem T-Shirt beschworene Dorfladen sorgt gerade für reichlich Gesprächsstoff in den drei Orten und ist das aktuellste Projekt der Ideenwerkstatt. Ihr sogar in wissenschaftlichen Studien belegtes Rezept für ein zukunftsfähiges Dorf klingt nämlich so: »Laden-Schule-Gemeinschaft«. Die Realität sieht leider häufig ganz anders aus. Von einer arg ernüchternden Reise durch Mecklenburg-Vorpommern erzählt Henning Austmann: »Überall leerstehende Häuser, kein Geschäft, alles wirkt absolut verlassen, Dörfer ohne Zukunft.«

Den Albtraum möchten sie in Flegessen, Hasperde und Klein-Süntel auf keinen Fall erleben. »Das Hofcafé – also unsere Kneipe – gibt es, die Schule wird auch bleiben. Nur ein richtiger Laden, der fehlt eben noch«, meint Beatrix Nehmann und zeigt entschlossen auf ihr T-Shirt. Nicht nur sie, auch ihr Mann ist dabei. Er ist Architekt, hat Pläne entworfen und ein Modell aus Holz gebaut; ein recht anthroposophisch anmutender achteckiger Flachbau. Ein zentrales Grundstück in Flegessen ist auch schon gefunden.

Die schwierigste Aufgabe aber steht noch bevor. Es muss Überzeugungsarbeit geleistet werden: Denn der Bau soll gemeinschaftlich – über Anteilsscheine von mindestens 100 Euro – finanziert und auch betrieben werden. Ein Öko-Supermarkt in einem umweltfreundlichen Strohballen-Lehm-Haus mit einem Angebotsmix aus regionalen Waren und Bioprodukten. Dass es da auch viele Skeptiker im Dorf gibt und wohl nicht jeder mitmachen wird, ist auch den Befürwortern klar. »Es geht aber doch bei der ganzen Diskussion um die Zukunft der Dörfer auch um Nachhaltigkeit und da spielen auch die gesunde Ernährung und die Bauweise von Häusern eine Rolle«, argumentiert der Wissenschaftler Austmann schon berufsbedingt.

Immerhin: 180 Leute kamen bei der Präsentation der Pläne im Hofcafé zusammen. Am Ende haben sich sogar der Bürgermeister, der Bäcker und der Metzger dafür stark gemacht. Das lässt die Initiative natürlich hoffen. Und ein überzeugendes Argument zum Nutzen aller konnten sie auch anführen: Mit einem Laden im Dorf steigen alle Immobilien deutlich im Wert.

Der ersehnte Dorfladen aber ist nur eines von vielen großen und kleinen Alltagsprojekten des jungen Nachbarschaftsvereins. Mit dem »Süntelblatt« kommt einmal im Monat eine eigene Dorfzeitung heraus. An der »Dorfhochschule« werden Englischkurse angeboten, es gibt eine eigene Homepage. Ein kostenloser Brötchenbringdienst von Flegessen aus versorgt Hasperde. Kirche und Gemeindesaal verwandeln sich regelmäßig ins Dorfkino für die ganze Familie.

Apropos Hollywood: Eine mehrteilige, von Jung und Alt selbst produzierte Filmkomödie thematisiert schon die erträumte, viel versprechende Zukunft des Dorfes im Jahr 2033. Die ersten Folgen voller rührender und witziger Plädoyers für das Dorfleben werden bei Kaffee und der berühmten Sanddorntorte im Wohnzimmer von Familie Austmann stolz gezeigt.
Ganz aktuell dreht das Dorfteam gerade noch diesen Streifen ab: In den Hauptrollen Justus, Jonas und Julius, drei Dorfjungs, die in »Drei-Fragezeichen«-Manier herausfinden, dass eigentlich alle berühmten Märchen in Flegessen, Hasperde oder Klein-Süntel ihren Ursprung haben und dann aus unerfindlichen Gründen doch woanders enden mussten. Das ergeben jedenfalls die Recherchen der Jungs im wirklich prunkvollen Schloss Hasperde, in dem heute die Senioren der Gegend residieren. Längst nicht nur eine tolle Kulisse für den Film. So ganz nebenbei knüpfen da auch die Jüngsten Kontakte mit den Ältesten.

Am Abend kommt wie regelmäßig alle sechs bis acht Wochen der harte Kern der Initiative zur Küchentischrunde bei Landwirtsfamilie Brandes zusammen. Man umarmt sich, es gibt Punsch und Flips, die meisten tragen das Dorfladen-T-Shirt und es wird lebhaft diskutiert. »Jeder kannte hier auch früher schon jeden, aber jetzt sind aus Nachbarn wirklich Freunde geworden«, sagt Beatrix Nehmann. Inse Brandes freut sich am meisten über die vielen neu Zugezogenen. Und egal, wie die Sache mit dem Dorfladen nun ausgehen wird, diese neue Nachbarschaft erleben alle Beteiligten jetzt schon als langfristigen Erfolg. »Irgendwie sind wir doch so ein bisschen Bullerbü im Naturpark Weserbergland, oder?« grinst Henning Austmann zufrieden.

Die »Ideenwerkstatt Dorfzukunft« der Dörfer Flegessen, Hasperde und Klein-Süntel bei Hannover in Niedersachen hat ein großes Ziel: die Zukunftsfähigkeit. Mit vielen engagierten Projekten versuchen die Mitglieder ihre Gemeinschaft zu stärken und neue Bewohner zu werben. Ansprechpartner: Henning Austmann Gülichstraße 47, 31848 Bad Münder Ortsteil Flegessen, www.ideenwerkstatt-dorfzukunft.de

Autor/en