Foto: HauptwegNebenwege/EEFoto: HauptwegNebenwege/EE

Familien-Sport-Café

In puncto Integration Tabellenführer – Die Sportgemeinschaft Bornheim Grün-Weiss in Frankfurt zeigt, wie man Rassismus die rote Karte zeigen kann. Sogar die Nationalmannschaft war schon da.

Frankfurt – Ganz eng stehen die Frauen beieinander, treten von einem Bein aufs andere. Immer wieder ziehen sie die Schultern hoch. Sie frieren, es ist ein kalter Spätherbsttag und es wird langsam dunkel. Das Flutlicht beleuchtet schon ihre Gesichter. Plötzlich reißen Suzy Cudina, Khadija Souich, Semiha Küpelikilinc und Anke Haas die Arme hoch, klatschen laut, lachen und rufen: »Tor! Super! Weiter so!« Eine Szene, wie sie allwöchentlich überall in Deutschland zu beobachten ist. Mütter am Rande eines Fußballplatzes. Und doch: Bei der SG Bornheim in Frankfurt ist vieles etwas anders als auf anderen Bolzplätzen dieser Republik. Viele Preise hat der Verein dafür schon kassiert. »Integration durch Sport« lautet sein Motto.

Wer den Verein im Schatten einiger Hochhäuser an der Seckbacher Landstraße um die Mittagszeit besucht, wird zunächst wenig Auffälliges feststellen. Ein großer Fußballplatz, in einem Riegel davor Umkleidehäuschen und ein in die Jahre gekommenes Vereinsheim mit Pokalen in den Regalen, Urkunden und Fußballbildern an den Wänden, einer Theke mit Zapfanlage und langen Holztischen. Eckkneipen-Atmosphäre. Aber da gibt es noch ein Gebäude: ein kleiner, moderner, würfelförmiger Bau mit drei Geschossen. »Familienzentren Hessen« steht außen dran. Drinnen erledigen Kinder gerade ihre Hausaufgaben. Eine Übermittagsbetreuungfür die Schulkinder des Viertels ist hier untergebracht.

Das Familien-Sport-Café am Sportplatz der SG Bornheim

Das Familien-Sport-Café am Sportplatz der SG Bornheim

Und genau hier im Erdgeschoss betreiben auch die vier, eben noch frierenden Fußball-Mütter aus Bosnien, Marokko, der Türkei und Deutschland ihr »Familien-Sport-Café«; ehrenamtlich gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. »Ich habe vier Kinder im Verein. Die sind hier alle groß geworden, klar, da bin ich fast jeden Tag hier«, sagt die in Bosnien aufgewachsene Suzy Cudina. »Eine große Familie« seien sie, ergänzt Anke Haas, die gerade mit einer App auf ihrem Smartphone den Tabellenstand der F3 der SG Bornheim prüft. Ihr jüngster Sohn spielt in dieser Mannschaft. Semiha Küpelikilinc kocht derweil türkischen Mokka und Khadija Souich aus Marokko serviert frischen, sehr süßen Tee mit Minze. Ihr dreijähriger Samy, der jüngste von drei Söhnen, klebt ihr dabei am Bein. Alle vier Frauen wohnen mit ihren Familien gleich um die Ecke in der Bornheimer Nachbarschaft.

Anke Haas erinnert sich noch gut an weniger familienfreundliche Zeiten. »Im Vereinsheim haben die Männer Skat gespielt und Bier getrunken. Wir haben in der Ecke ein bisschen verschämt unsere Kinder gestillt und gewickelt und komische Blicke geerntet.« So viele verschiedene Nationalitäten, so viele Kinder – der damals noch recht typisch deutsche, männerdominierte Fußballverein war für viele Frauen nicht gerade ein Wohlfühl-Oase. Dabei sind es doch meist die Frauen, die die Kinder zum Training begleiten.

51 Nationalitäten spielen bei der SG Bornheim Grün-Weiss Fußball. Mit über 600 Mitgliedern ist die Sportgemeinschaft der größte Kinder- und Jugendverein in Frankfurt. Das 2007 eröffnete, angeschlossene Kinder- und Familienzentrum, kurz KiFaZ, gilt als integratives Vorzeigeprojekt für ganz Deutschland. »Sportverein plus« sozusagen mit Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung, mit einem Sport- und Freizeitcamp in den Ferien und eben mit dem Familien-Sport-Café. Sogar die deutsche Fußballnationalmannschaft war schon zu Besuch und hat das Haus durch Spenden mitfinanziert.

[box size=“large“ style=“rounded“ border=“full“]Video: Interview mit Harald Seehauser und Eva Gensheimer anlässlich der Preisverleihung „Neue Nachbarschaft“ im Mai 2013 in Bonn.[/box]

In Eigenregie halten die vier Mütter mit unterschiedlicher Herkunft seitdem dreimal in der Woche nachmittags den Treffpunkt am Laufen, während ihre Sprösslinge draußen kicken. Und der Laden »brummt«. Deutsch, türkisch, kroatisch, arabisch wird hier querbeet gesprochen. Frauen mit und ohne Kopftuch sitzen zusammen. Ihre noch in den Windeln steckenden Kleinsten rennen umher; immer raus und rein und über Tische und Bänke. Wer in Ruhe Zeitung lesen möchte, ist in diesem Café definitiv falsch, aber das will hier auch niemand. Lebhaft, hell und gemütlich ist es; mit bunten Sofas, einer offenen Küche, viel Spielzeug und einem langen Tisch. Durch die großen Fenster bis zum Boden schaut man direkt auf den Fußballplatz.

Der Vorstandsprecher des Vereins, Harald Seehausen, beschreibt das Konzept des Cafés, das sich explizit für den ganzen Stadtteil Bornheim mit seinen rund 25.000 Einwohnern öffnen möchte, mit diesen Worten: »Wir wollen uns mit dem Familienzentrum und dem Café weit über den Sport hinaus für ein friedliches und gemeinschaftliches Zusammenleben der Nachbarn aus unterschiedlichen Herkunftsländern engagieren, auch für sozial benachteiligte Familien«. Das stieß anfangs im Verein durchaus auch auf Kritik und Unverständnis. Man sei schließlich ein Fußballverein und keine soziale Einrichtung.

Anke Haas freut sich, dass diese Stimmen inzwischen verstummt sind und sie betont, wie positiv der neue, eigene Raum sich auf die Stimmung aller ausgewirkt hat – auch auf die Kontakte außerhalb des Sportvereins. »Die Kinder besuchen sich gegenseitig, alle wohnen im selben Viertel, man kennt sich jetzt.« Früher waren es lose Kontakte, heute sind Freundschaften entstanden über kulturelle Grenzen hinweg. Das spricht sich rum. Auch Familien aus der Nachbarschaft, die gar nicht Mitglied im Verein sind, schauen mittlerweile gern nachmittags im Familien-Café vorbei. Kindergeburtstage können hier gegen eine geringe Gebühr gefeiert werden, sogar Silvester kommt man in den Räumen zusammen. All das ist ausdrücklich gewünscht.

»So schön multikulti« findet es die Marokkanerin Khadija und grinst unter ihrem Kopftuch hervor. »Schüchtern« sei sie früher gewesen, habe sich wegen der Männer gar nicht ins Vereinsheim getraut. Heute kennt sie hier jeden und jeder kennt sie. »Auch mein Deutsch ist viel besser geworden.« Sie gilt als die Gourmet-Köchin im internationalen Vierer-Team. Ihre »Cigars« – diese scharfen, arabischen Blätterteig-Röllchen gefüllt mit Fisch, Fleisch oder Gemüse – sind mittlerweile berühmt bei der SG Bornheim. Aber bei Kaffee, Kuchen und Fleischröllchen alleine bleibt es nicht. »Wir tauschen uns auch über Kinderkrankheiten, Schulwechsel oder über Läuse im Kindergarten aus. Eben einfach über alles«, zuckt die Bosnierin Suzy Cudina mit den Schultern und findet das eigentlich gar nicht mehr weiter bemerkenswert. Integration ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

»Schiri, abpfeifen« ruft eine Mutter laut über den Fußballplatz. Inzwischen ist es früher Abend, Mütter, Geschwisterkinder und einige Väter bibbern immer noch am Spielfeldrand. Aber der Schiri hat kein Einsehen, eine Verlängerung beim Freundschaftsspiel der F3 gegen die F2 wird angepfiffen. Die Jungs sind gerade so gut im Spiel. Nur gut, dass es das Familien-Sport-Café gibt. Da kann man sich auch zum Aufwärmen prima zurückziehen.

Das Kinder- und Familienzentrum der SG Bornheim Grün-Weiss bringt viele verschiedene Nationalitäten zusammen. Herzstück ist das von Müttern betriebene, integrative Familien-Sport-Café. Ansprechpartner: Harald Seehausen, Berger Straße 385b, 60385 Frankfurt am Main www.sgbornheim.de

Autor/en


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *