Foto: HauptwegNebenwege/EE

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Im Interview: KultWache RathausStern

Immobilie als Motor für die Nachbarschaft: Eine Gruppe junger Menschen möchte die alte Polizeiwache im Berliner Stadtteil Lichtenberg zum neuen kulturellen Mittelpunkt für ihre Nachbarschaft machen. Sie fordert dafür keine öffentlichen Investitionen, sondern die Immobilie, als Basis für das nachbarschaftliche Engagement. Dies alles gelingt natürlich nur, wenn das öffentliche Grundstück nicht an den Meistbietenden, sondern an diejenigen mit den größten nachbarschaftlichen Ambitionen vergeben wird. Das Projekt steht stellvertretend und beispielgebend für eine neue Generation von Projektmachern, die in ihrer Stadt Verantwortung übernehmen und den anstehenden Gentrifizierungsprozessen produktiv entgegentreten wollen.

Was hat Sie motiviert; was war der Auslöser des Projekts?

[quote]Der Leerstand dieser Immobilie und die Aussicht, dass da schon wieder private Investoren auf dem Immobilienmarkt Profit machen würden, waren der Auslöser. Wir wollen in unserer Nachbarschaft etwas verändern; etwas anbieten, das über das normale Wohnen hinausgeht und Projekte ermöglicht, die es sonst nicht gibt. Wir wollen Freiräume schaffen, die an anderer Stelle in der Stadt fehlen.[/quote]

Wer hat den Stein ins Rollen gebracht; wer hat als erster Verantwortung übernommen?

[quote]Die ersten Gründer unserer Gruppe, eine junge Familie aus Lichtenberg/Friedrichshain, haben das Haus, das damals leer stand, entdeckt. Nach und nach sind immer mehr Leute dazu gekommen, mit vielen verschiedenen Ideen, was man in dem Haus alles machen könnte – vom Nachbarschaftsgarten bis zum Kiezcafé. In die Verantwortung wurde die Gruppe eigentlich gezwungen. Als uns bekannt wurde, dass das Gelände innerhalb kürzester Zeit vom Land Berlin an den Höchstbietenden verkauft werden sollte, mussten wir uns schnell organisieren und professionell aufstellen. Den Verkauf wollten wir verhindern und das ist uns letzten Endes auch gelungen. Das Grundstück wurde bis heute noch nicht verkauft.[/quote]

Wie sehen Ihre Chancen aus, den Kaufzuschlag für das Grundstück zu erhalten?

[quote]Durch unsere öffentliche Kampagne und die Zusammenarbeit mit der Politik haben wir erreicht, dass das Gelände nicht zum Höchstpreisverfahren verkauft wird, sondern in einem Konzeptverfahren ausgeschrieben wird. Dieses Konzeptverfahren wird jetzt im September endlich gestartet und wir werden uns mit unserem Projekt bewerben![/quote]

Was würden Sie Anderen mit auf den Weg geben?

[quote]Wir sind zunächst ein bisschen unerschrocken vorgegangen, vielleicht auch ein bisschen aus Naivität heraus und nicht den Weitblick habend, wie groß das Ganze werden würde. Aber das hat uns auch dazu gebracht, dass wir unserer Vision weiter folgen und uns nicht davon abbringen lassen. Vieles wird erst möglich, wenn man Dinge einfach mal versucht und sich nicht abschrecken lässt. Die Wichtigste Erkenntnis ist für uns jedoch, dass Stadtpolitik durch Bürgerinnen und Bürger mitgestaltbar ist. Das muss genutzt werden, um sich auch zukünftig in der Stadt für die soziale und kulturelle Vielfalt einzusetzen und dadurch den Erhalt und den Ausbau von mehr kulturellen Freiräume und bezahlbarem Wohnraum zu erreichen. Dies ist keine leichte Aufgabe aber durch ausdauerndes, auch politisches Engagement möglich.[/quote]

Von wem oder wie wünschen Sie sich Unterstützung?

[quote]Am wichtigsten sind mehr Menschen, die sich für dieses Projekt begeistern und sich engagieren. Momentan ist unsere größte Sorge, dass wir Geld aufbringen müssen; Fremdkapital, um einen Bankkredit für den Kauf des Geländes zu bekommen, falls wir den Zuschlag erhalten. Wir hoffen und wir wünschen uns, dass das klappt.[/quote]

Welche sind die nächsten Schritte in Ihrem Projekt?

[quote]Im September will die Landespolitik die Ausschreibung freigeben. Dann werden wir noch intensiver planen und organisieren, um die Kriterien der Ausschreibung zu erfüllen, ein Konzept zu entwickeln und dieses Verfahren zu gewinnen. Am 7. September, bei den Experimentdays in Berlin Tempelhof, wollen wir unsere Kampagne für das Einwerben von Direktkrediten starten. Dort kann man unser Projekt auch näher kennen lernen. Zu den offenen Nachbarschaftstreffen, die regelmäßig in der Bibliothek in Lichtenberg stattfinden, ist jeder herzlich eingeladen.[/quote]

Autor/en

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Marcus Paul Marcus Paul (* 1980) war von 2009-2016 Mitarbeiter der Montag Stiftung Urbane Räume. Nun ist er bei Startklar! Projektkommunikation und kümmert sich um Projekte im Landesprogramm "Initiative ergreifen". Seit 2015 baut er in Halle (Saale) ein neues Projekt im Programm "Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung" auf. 2012-2015 verantwortete er die Entwicklung des Programms Neue Nachbarschaft. Marcus Paul studierte Architektur/Städtebau und Elektrotechnik an der RWTH Aachen. Nach seinem Studium arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros in Aachen und Köln.

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Jennifer van de Loo Bis 2014 Teil des Teams Neue Nachbarschaft der Montag Stiftung Urbane Räume