Foto: Guido Gallenkamp

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Im Interview: Migrantisch – wenn man sich versteht, versteht man sich.

Ein Sprachkurs für die Sprachen der Stadt: Das Projekt „Migrantisch“ bietet 90-minütige Sprachkurse in den „Sprachen der Stadt“ Wuppertal an.

Dabei bringen sich die Nachbarn ihre Sprachen und Kulturen gegenseitig bei. So können sie sich in Zukunft, wenn sie sich auf der Straße über den Weg laufen, auf Griechisch, Kurdisch oder Russisch einen Guten Tag wünschen. Die Treffen finden jeweils an Orten statt, an denen sich die Menschen auch im ganz normalen Alltag begegnen. Das Projekt fördert so den Austausch und die Begegnung der Menschen innerhalb einer Nachbarschaft und leistet so seinen ganz eigenen Beitrag zur Völkerverständigung auf Quartiersebene.

Was war der Anlass für Ihr Projekt? Was hat Sie motiviert?

[quote]Für mich ist die Begegnung mit den Menschen, die in meiner Nachbarschaft wohnen, arbeiten und leben, eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass ich mich hier wohlfühle. Das spontane Gespräch an der Käsetheke oder beim Bäcker bedeutet für mich Lebensqualität, es gibt mir ein Gefühl von Heimat und Gemeinschaft.
Aber besonders in Vierteln mit einer hohen kulturellen Vielfalt, in denen das Leben gerade deshalb meistens besonders spannend und abwechslungsreich ist, können die vielen dort gesprochenen Sprachen auch eine Hürde sein, sich besser kennenzulernen. In unserer Nachbarschaft gibt es zum Beispiel ein „polnisches Café“ in dem meine Frau und ich uns gerne aufhalten. Oder auch einen „türkischen Gemüseladen“ der mir gefällt. Die Betreiber sind mir sehr sympathisch und ich würde gerne mit Ihnen über Ihre Kultur oder unsere Nachbarschaft ins Gespräch kommen. Deshalb wollte ich ihre Sprache lernen – zumindest ein paar Alltagsfloskeln – und kam so auf die Idee, das auch für die gesamte Nachbarschaft anzubieten.[/quote]

Wie sind Sie ihr Projekt dann angegangen?

[quote]Ich habe die 10 Sprachen gesucht, die hier in der Nachbarschaft am häufigsten gesprochen werden. Dazu habe ich mit der Stadtverwaltung telefoniert; Die konnte mir sagen, wer hier so wohnt. Zu diesen Sprachen habe ich dann aus meinen persönlichen Kontakten und aus unterschiedlichen sozialen Netzwerken Muttersprachler gefragt, ob sie Spaß daran hätten, ihre Sprache in einem 90-minütigen Abendkurs zu vermitteln. Als nächstes sprach ich die Institutionen in unserem Viertel – sie sollten möglichst alltagsnah und charakteristisch für unser Viertel sein – darauf an, ob sie uns ihre Räumlichkeiten für einen Abend zur Verfügung zu stellen würden.[/quote]

Nun lernt man nicht mal eben an einem Abend eine ganze Sprache …

[quote]Darum geht es auch nicht. Es geht darum, die Standardsätze für einen Einstieg in ein Gespräch wie „Guten Tag, wie geht es Dir?“, „Wo kommst Du her?“, „Mein Name ist…“ und so weiter zu lernen. Es geht darum, den ersten Schritt zu machen, dem Gegenüber zu zeigen: „Du bist mir wichtig“, „ich interessiere mich für Dich und Deine Kultur“. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn ich DEN ERSTEN SCHRITT MACHE und meinen Gegenüber in seiner Heimatsprache anspreche, er dann alles daran setzen wird, den DIALOG fortzuführen. Man begegnet sich auf Augenhöhe, geht sich gegenseitig in der Sprache des jeweils anderen entgegen und trifft sich in der Mitte. Am Ende unterhält man sich dann vielleicht trotzdem mit Händen und Füßen, aber das ist egal, es geht um die VERSTÄNDIGUNG.[/quote]

Was bedeutet Migrantisch für das Leben in der Nachbarschaft?

[quote]Ich denke, dass die Sprache der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis und daher auch zur Freundschaft ist. Und das ist für mich gelebte Integration, die Freundschaft von Menschen und zwar über alle kulturellen Unterschiede und Differenzen hinweg. Es gibt hunderte oder gar tausende so genannte Integrationsprojekte, die zwar auch in diese Richtung gehen, aber alle nur die „Gäste“ behandeln wollen. Aber wir alle müssen unsere Hausaufgaben machen.[/quote]

Wie lief das Projekt an? Welche Hürden gab es?

[quote]Am Anfang lief es etwas schleppend und es kamen nicht so viele Leute. Aber das ist normal; das braucht seine Zeit. Als die Presse auf uns aufmerksam wurde und uns durch ihre Berichterstattung eine höhere Präsenz in der Öffentlichkeit verschafft hat, erhöhte sich auch schnell die Zahl der Teilnehmer. Mittlerweile kommen sie aus der ganzen Nachbarschaft und sogar von weiter weg – und dabei sind alle Altersklassen vertreten!
Ein Problem ist, dass die Trägerschaft und die Finanzierung noch immer nicht richtig geklärt sind. Und als Einzelperson kann man rechtlich gesehen nicht gemeinnützig sein, was das Projekt ja auf alle Fälle ist. Da stellt man sich immer wieder die Frage, wie viele eigene, persönliche Ressourcen man da einbringen kann.[/quote]

Wie ist die Situation heute? Was hat sich durch das Projekt in Ihrer Nachbarschaft verändert?

[quote]Mittlerweile haben wir schon mehrere Sprachkurse durchgeführt. Wir waren schon auf Spielplätzen, im türkischen Kiosk, im polnischen Bügelstudio und im Buchladen. Unsere Reise durch die Sprachen der Stadt ist also auch immer eine Reise durch die Institutionen der Stadt. Das ist sehr interessant. Wir haben auch jede Menge Anfragen von Menschen bekommen, die das Projekt in ihren eigenen Vierteln durchführen wollen. Demnächst startet Migrantisch zum Beispiel in der Schweiz.[/quote]

Wer Interesse hat, mitmachen möchte oder einen eigenen Sprachkurs aufbauen will, kann sich gerne auf www.migrantisch.de informieren. Auf der Seite gibt es mehr Details, Termine und Anmeldeformulare.

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Marcus Paul Marcus Paul (* 1980) war von 2009-2016 Mitarbeiter der Montag Stiftung Urbane Räume. Nun ist er bei Startklar! Projektkommunikation und kümmert sich um Projekte im Landesprogramm "Initiative ergreifen". Seit 2015 baut er in Halle (Saale) ein neues Projekt im Programm "Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung" auf. 2012-2015 verantwortete er die Entwicklung des Programms Neue Nachbarschaft. Marcus Paul studierte Architektur/Städtebau und Elektrotechnik an der RWTH Aachen. Nach seinem Studium arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros in Aachen und Köln.

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Jennifer van de Loo Bis 2014 Teil des Teams Neue Nachbarschaft der Montag Stiftung Urbane Räume