• Foto: Espen Eichhöfer/ © Montag Stiftung Urbane Räume
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Kultwache Rathausstern

am 02. Januar 2014 | in Blog-Slider, Homepage-Slider, Immovielien, Initiativen im Profil | von | mit Keine Kommentare

Ein Stern für Berlin – Wie eine Gruppe junger Leute aus einer ehemaligen Polizeiwache einen Kiez-Treff machen will. Und wie sie sich dafür ins Haifischbecken des Berliner Immobilienmarktes wagt.

Berlin – »Stellt euch vor, ihr bekommt die Chance, eine Fläche so groß wie ein Fußballplatz mitten in der Stadt zu gestalten. Ihr könntet dort mit vielen tollen Menschen gemeinsam in einem Haus wohnen. Ihr könntet eine Werkstatt einrichten, in der ihr Fahrräder und Möbel baut. Ihr könntet einen Kindergarten mit viel Platz zum Spielen bauen. Ihr könntet einen Garten mit Gemüse und Obstbäumen anlegen. Ihr könntet ein Café für alle aufmachen.« So beginnt ein Videoclip der »Rathaussterne«, einer Gruppe junger Leute aus Berlin, die eine gemeinsame Vision hat: ein Haus mit Wohnungen, Büros und Ateliers zu bezahlbaren Preisen, das zudem Raum bietet für nachbarschaftliche, soziale und kulturelle Aktivitäten. Eine geradezu verwegene Vorstellung, scheint es, angesichts der gestiegenen Immobilienpreise in Berlin.

Die Rathaussterne haben ihr Traumhaus bereits gefunden, auf dem Gelände der ehemaligen Polizeiwache Rathausstraße in Berlin-Lichtenberg. Die Initiative will das Gebäude samt der 6000 Quadratmeter großen Fläche kaufen. »Kultwache Rathausstern« hat sie ihr Projekt getauft, weil an dieser Stelle die Straßen sternförmig auf das Haus zulaufen. »So ein Gelände, so groß und so stadtnah, das wird es nicht noch einmal geben«, ist sich Norman Ludwig, einer der Rathaussterne, sicher.

Seit die Polizei ausgezogen ist, steht der riesige Kasten nahe der U-Bahn-Station »Frankfurter Allee« leer. Im Inneren steckt der Muff der Vergangenheit in jeder Ritze: Vor der Wache prangt noch das Zeichen der Polizei an der Wand. Endlos ziehen sich die Flure, von denen die einstigen Dienstzimmer abgehen, verblichene Gardinen hängen an den Fenstern. Auf dem weitläufigen Innenhof stehen zwei weitere Gebäude, ein Umkleidehaus und eine Gefangenensammelstelle. In den Zellen der sogenannten Gesa wurden einst Verdächtige kurzzeitig festgehalten, in einem Korb liegen noch die Schlüssel.

Das Gelände befindet sich im Besitz des Landes Berlin, das einen Käufer-Wettbewerb ausgeschrieben hat. Ob die Rathaussterne den Zuschlag bekommen, steht derzeit noch in den Sternen: Die Gruppe muss mit professionellen Mitbewerbern konkurrieren. Ganz schlecht sind ihre Chancen dennoch nicht, denn sie hat die Unterstützung des »Mietshäuser Syndikats« aus Freiburg im Rücken.

Wir treffen einige Mitglieder der rund 25-köpfigen Gruppe in einer nahe gelegenen Bibliothek: Sie sind zwischen Mitte 20 und Mitte 30, wohnen im Kiez, viele von ihnen Akademiker, manche schon mit Kindern, die meisten am Übergang zwischen Studium und Beruf. Von Beginn an lädt die Gruppe einmal im Monat zu AnwohnerInnen-Treffen in die Bibliothek ein, die Einbeziehung der Nachbarschaft in ihr Projekt ist Programm. »Die Idee ist nicht: Wir sind die großen Projektentwickler und stellen alles fertig hin, machen coole Proberäume oder tolle Ateliers«, sagt Martin. Sondern wir fragen im Kiez, aber auch bei interessierten Gruppen, nach deren Bedürfnissen.«

Fest steht, dass in die einstige Wagenhalle eine Kita einziehen soll. Gesetzt ist auch die Schaffung preisgünstigen Wohnraums. Die langen Flure mit den zahlreichen Dienstzimmern sollen an WGs vermietet werden. Geplant sind außerdem ein Nachbarschaftsgarten und Räume für Bürogemeinschaften und Ateliers. Eine Fotografen-Gruppe hat bereits Interesse an der Gefangenensammelstelle angemeldet, sie will in den ehemaligen Zellen Dunkelkammern einrichten. Im alten Umkleidehaus soll ein Kiez-Café mit Versammlungssaal entstehen.

Das Interesse, selbst in das Gebäude einzuziehen, steht bei den Rathaussternen nicht im Vordergrund. »Wir wohnen alle in netten WGs und haben gar nicht unbedingt das Bedürfnis, auszuziehen«, so Norman Ludwig. Ihnen geht es auch um eine neue Liegenschaftspolitik in Berlin. Jahrelang hat das Land Grundstücke und Immobilien grundsätzlich an den Meistbietenden verkauft, um die Haushaltslöcher zu stopfen. Erst langsam setzt hier ein Umdenken ein. »Die Verdrängung von Alteingesessenen und Geringverdienern muss gestoppt und Freiräume für soziale und kulturelle Initiativen erhalten bleiben«, sagt Norman Ludwig.

Einen großen Erfolg hat die Initiative in dieser Hinsicht bereits erreicht. Nur aufgrund ihres Engagements hat das Land ein erstes Bieterverfahren gestoppt und ein neues Konzeptverfahren ausgeschrieben. Das schreibt den Bau einer Kita ebenso vor wie sozial verträgliche Mieten. Nicht der Meistbietende soll demnach automatisch den Zuschlag erhalten. »Ohne uns hätte es dieses Verfahren gar nicht gegeben«, sagt Martin. Die erste Runde des Wettbewerbs haben die Rathaussterne bereits geschafft. Mit ihnen sind nun noch acht Bewerber im Rennen.

Lageplan der Kultwache Rathhausstern im Bezirk Lichtenberg

Doch die Hürden, die das Land aufstellte, hätten die Gruppe beinahe zerrissen. Um als Teilnehmer zugelassen zu werden, mussten die Rathaussterne Sicherheiten in Höhe von sieben Millionen Euro sowie Referenzprojekte im Wert von mindestens fünf Millionen Euro nachweisen. »Wir haben sehr lange mit uns gerungen, ob wir uns auf diese Bedingungen einlassen können und wollen«, sagt Caroline Rosenthal von den Rathaussternen. Innerhalb von nur zwei Monaten gelang es ihnen jedoch Stiftungen zu gewinnen, die die finanzielle Absicherung in Aussicht gestellt haben.

Sollte die Gruppe tatsächlich den Kaufzuschlag bekommen, kann sie auf die Hilfe eines Netzwerkes bauen, das Gruppen wie den Rathaussternen hilft. Das 1992 in Freiburg gegründete »Mietshäuser Syndikat« hat bundesweit bereits an rund 80 selbstverwalteten Hausprojekten mitgewirkt, Tendenz steigend. »Wir wachsen sehr schnell«, sagt Enrico Schönberg von der Regionalberatung Berlin-Brandenburg. »Es gibt ein ganz starkes Bedürfnis für gemeinschaftliches und soziales Wohnen. Die Leute wollen nicht nur Mieter sein, sondern Verantwortung für eine Immobilie übernehmen und dafür mehr Rechte haben«, so seine Beobachtung. Viele der Syndikats-Projekte haben Gemeinschaftsflächen, die nach außen und in die Nachbarschaft wirken.

Das Mietshäuser Syndikat bietet seinen Mitgliedern Beratungen an und es verfügt über Kontakte zu Banken als möglichen Kreditgebern. An jedem Projekt ist es als Gesellschafter beteiligt. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass der Verein das Haus später wieder veräußert. »Unser Ziel ist, die Immobilien dauerhaft dem freien Markt zu entziehen«, so Schönberg.

Auch die Rathaussterne wollen das Mietshäuser Syndikat mit ins Boot nehmen. Sie haben mittlerweile so viel Know-how angesammelt, dass sie selbst Neueinsteiger beraten können. Sie haben gelernt Finanzpläne zu lesen, hoch komplizierte Bewerbungsverfahren zu verstehen und sich selbst kompetent zu verkaufen. »Unsere wichtigste Botschaft lautet: Wir haben nichts gemacht, was nicht jeder andere auch könnte«, sagt Caroline Rosenthal. »Man braucht nur sehr viel Chuzpe.«

Die Initiative will die ehemalige Polizeiwache im Berliner Bezirk Lichtenberg kaufen und dort preisgünstige Wohnungen, eine Kita und einen Treffpunkt für den Kiez schaffen. Ansprechpartner: Norman Ludwig John-Schehr-Straße 66, 10407 Berlin www.rathausstern-lichtenberg.de

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Susanne Küppers Susanne Küppers, geboren 1963 in Duisburg, freie TV-, Zeitungs- und Online-Journalistin, Ausbildung: Volontariat  Westdeutsche Zeitung Düsseldorf, Studium Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln, lebt in Köln.

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